Sport : Herrscher ohne große Geste

Wariner siegt auch in Berlin über 400 Meter

Frank Bachner

Berlin - Irgendjemand drückte Jeremy Wariner einen Blumenstrauß in die Hand. Der Amerikaner schleuderte die Blumen umgehend auf die Tribüne, zu den stehend applaudierenden Zuschauern. Sie feierten einen besonderen Jackpot-Sieger. Jeremy Wariner aus den USA hatte gerade im Olympiastadion beim Istaf in 44,26 Sekunden die 400 Meter gewonnen. Der 22-Jährige hat damit jedes seiner sechs Golden-League-Rennen gewonnen, er hat sich damit auch noch einen Anteil an dem zweiten Teil des Jackpots der Golden League gesichert.

Aber Wariner feierte nicht ausgiebig. Erstens fehlte ihm dazu die Kraft nach diesem Rennen, zweitens ist er nicht der Typ für große Emotionen. „Es war ein großes Rennen“, sagte er. Andererseits: Er führte schon nach 300 Metern, die Sache war frühzeitig klar. Denn eigentlich war dieser Sieg auch Routine. Jeremy Wariner beherrscht die 400-Meter-Strecke seit zwei Jahren. Eine Dominanz ist nichts Ungewöhnliches, ungewöhnlich aber ist der Aufstieg des Jeremy Wariner aus Grand Prairie in Texas. „A Wunderkind“ schrieb das US-Fachblatt „Track and Field News“ im Frühsommer 2004. Da gewann der schmächtige, wenig bekannte Athlet die Olympiaausscheidung der USA über 400 Meter. Sechs Wochen später rannte der Newcomer zu Olympiagold in 44,00 Sekunden. Ein Jahr später holte er sich auch den WM-Titel (43,93). Und in dieser Saison rannte er wieder von Sieg zu Sieg. „Ich achte natürlich auf die Gegner, die vor mir liegen könnten“, hatte er am Freitag gesagt. Dann ergänzte er gleichmütig: „Aber ich glaube nicht, dass es welche gibt, die vor mir sein werden.“

Es ist auch dieser Tonfall, der den Typen Wariner ausmacht. Der 22-Jährige liefert nicht die große Geste und die exzessive Mimik zu seinen Sprüchen. Als er am Freitag Istaf-Chef Gerhard Janetzky vorgestellt wurde, da wirkte er eher wie ein Schüler, der seinen Klassenlehrer respektvoll begrüßt. Am auffälligsten außer seinen Leistungen ist noch ein Brillant in seinem Ohr.

Wenn Wariner neben Michael Johnson steht, dann wirkt er noch zurückhaltender. Denn der große Michael Johnson hat jahrelang die 400 Meter beherrscht, er hält heute noch den Weltrekord mit 43,18 Sekunden. Michael Johnson ist im Sport der wichtigste Mann für Wariner, zusammen mit Clyde Hart. Johnson ist Wariners Manager, Hart ist der Trainer von Wariner. Früher führte er Johnson zu fünf Olympiasiegen und neun WM-Titeln. Ein Footballcoach empfahl den Oberschüler Wariner dem Starcoach Hart.

Am auffälligsten ist der Unterschied der Hautfarbe. Johnson ist dunkelhäutig, Wariner ist weiß. Im Grunde genommen ist das völlig egal, aber es wird immer wieder thematisiert. Denn Wariner ist der erste Weiße seit vielen Jahren, der über 400 Meter so klar dominiert. Wariner selbst sind diese Vergleiche der Hautfarbe egal. „Es spielt keine Rolle, welcher Rasse du angehörst“, sagte er nach seinem Olympiasieg in Athen. „Es kommt auf deine Fähigkeiten an.“ Diese Fähigkeiten werden immer wieder hinterfragt. Gerade hat eine Zeitung in Nassau, Bahamas, in einem Bericht über einen gedopten Sprinter aus den Bahamas in einem Nebensatz geschrieben, gegen Wariner liefen Dopingermittlungen. Wariner sagte nur: „Davon habe ich noch nie gehört. Ich kann nur sagen, dass ich noch nie gedopt habe. Aber es tut weh, wenn du diese ganzen Dopingnachrichten hörst.“

Das Thema wird Wariner verfolgen, einerseits grundsätzlich, andererseits wegen seines Umfeldes. Denn bei Michael Johnson lief immer der Dopingverdacht mit. Der Texaner hält ja auch noch den Weltrekord über 200 Meter mit 19,32 Sekunden. Fabel-Weltrekorde, Leistungen, die bei vielen Experten größtes Misstrauen auslösten. Wariner weiß, dass er auch gegen diesen Schatten läuft, gegen Johnson, die umstrittene Übergröße. Doch Wariner versucht, mit einem zweifelhaften Ziel aus diesem Schatten zu kommen. „Irgendwann“, sagte er, „will ich seinen Weltrekord verbessern.“

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