Hertha bei Bayern : Nicht wieder nur zuschauen

Hertha BSC kann den FC Bayern München heute in die Krise schießen – und sich selbst ganz oben in der Bundesliga-Tabelle festsetzen.

Stefan Hermanns
Hertha
Ehrfürchtig. In der letzten Saison ging Hertha gegen die Bayern um Luca Toni unter.Foto: dpa

Dieter Hoeneß ist dem FC Bayern München nicht nur aus familiären Gründen verbunden. Acht Jahre hat er für den Verein gespielt, der von seinem Bruder Uli gemanagt wird, 224 Bundesligaspiele hat er in dieser Zeit für die Bayern bestritten und 102 Tore erzielt. Das prägt, selbst mehr als 20 Jahre nach seinem Abschied aus München. Jedenfalls lässt Dieter Hoeneß noch immer nichts auf den Verein kommen. Ob es denn vor dem morgigen Aufeinandertreffen in der Bundesliga ein Vor- oder ein Nachteil für Hertha BSC sei, dass die Bayern gerade ein wenig in der Krise steckten, wird Hoeneß gefragt. „Welche Krise denn?“, antwortet er. „Die Bayern sind stark. Die Zweifel sind unberechtigt.“

Dass der Deutsche Meister mit Trainer Jürgen Klinsmann ein wenig holprig in die neue Saison gestartet ist, lässt sich nicht leugnen. Zwei Punkte haben die Bayern aus den ersten beiden Spielen geholt, das ist nicht viel und für ihre Verhältnisse sogar überhaupt nichts. Trotzdem weiß Dieter Hoeneß, dass sich aus dieser Bilanz wenig ableiten lässt. Zumindest für Hertha nicht. Bayern gegen Hertha – „das haben wir schon oft gehabt, das Spiel“, sagt Hoeneß. „Bisher nie mit zufriedenstellendem Ausgang.“ Vor 31 Jahren haben die Berliner zuletzt in München gewonnen, 13 Spiele in Folge sind die Bayern gegen Hertha nun ohne Niederlage, die jüngste, im Berliner Olympiastadion, liegt fast sieben Jahre zurück.

Diesmal soll natürlich alles anders werden – aber sollte es das nicht jedes Mal? „Die Bayern haben Druck. Die müssen unbedingt gewinnen“, sagt Herthas Verteidiger Steve von Bergen, der zwar erst ein Jahr für den Verein spielt, aber auch schon das ganz spezielle Bayern-Erlebnis erfahren hat. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison traten die Berliner in München an, sie hatten keinen Druck mehr – und verloren 1:4. Die Bayern feierten die Meisterschaft, sie feierten Oliver Kahn, der seine Karriere beendete, und Ottmar Hitzfeld, der als Trainer aufhörte. Die Berliner durften einem großen, emotionalen Fest beiwohnen. „Wir waren mehr Zuschauer als Akteure“, sagt von Bergen. „Das war eine gute Lektion.“

Natürlich soll es diesmal anders sein. Wie immer. Manager Hoeneß hofft, „dass unsere Spieler nicht zu viel Respekt haben“, und Abwehrspieler Sofian Chahed sagt: „Die Brust ist breit, weil wir wissen, dass wir guten Fußball spielen können.“ Sieben Pflichtspiele haben die Berliner in dieser Saison bereits bestritten, verloren haben sie noch keins. Und auch wenn nicht alle Gegner zur höchsten Kategorie gehörten, haben die Erfolge sich positiv auf das Selbstwertgefühl der Berliner ausgewirkt. „Man hat in Ansätzen gesehen, dass bei uns was zusammenwächst, dass was entsteht“, sagt Marc Stein. „Wir haben eine gute Chance, uns oben festzusetzen.“

Aus einem guten Saisonstart können die Berliner heute einen sehr guten machen – sie müssen nur bei den Bayern gewinnen. „Das Vertrauen ist da“, sagt Trainer Lucien Favre, der in München wieder den zuletzt verletzten Lukasz Piszczek einsetzen kann. Steve von Bergen hält es für einen Vorteil, dass Hertha schon am dritten Spieltag auf die Bayern trifft, in einer Phase, in welcher der große Favorit sich erst noch finden muss: „Wenn die Maschine erst einmal läuft, wird es sehr schwer für uns.“ Das hat der Schweizer vor etwas mehr als drei Monaten erlebt, als die Bayern beim Saisonfinale schon nach einer halben Stunde 3:0 führten.

Mit einem Sieg würde Hertha sich nicht nur am oberen Ende der Tabelle festsetzen, die Berliner würden auch die Bayern erst mal ans untere Ende schicken. Ob das nicht ein zusätzlicher Reiz sei, wurde Hoeneß gefragt. Nein, sagte er. „Wenn wir an unser Limit kommen, glaube ich, dass wir den Bayern wehtun können. Aber sie zu reizen, wäre das Dümmste, was wir machen könnten.“

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