Sport : Hertha bettelt um ein Gegentor

…und wird erhört: In der Nachspielzeit gelingt dem HSV noch das 1:1

Klaus Rocca

„Ich habe versucht, ein Handspiel zu sehen“

Herthas Torhüter Gabor Kiraly zu seinem Protest nach dem Ausgleich, den der Hamburger Tomas Ujfalusi mit der Brust erzielte.

Berlin. Wutentbrannt lief Huub Stevens hinter Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer her, wäre ihm am liebsten an den Kragen gegangen. Wollte Herthas Trainer eine Regelwidrigkeit beim letzten Tor gesehen haben, beanstandete er die Nachspielzeit? „Nein, es gab nur einige umstrittene Entscheidungen“, sagte Stevens später. Mag sein, es war aber wohl mehr der Frust, die maßlose Enttäuschung, die Stevens so ausrasten ließen. Da stand Hertha BSC so dicht vor dem ersten Saisonsieg – und wieder wurde nichts aus dem so sehnlichst erhofften Befreiungsschlag. In der Nachspielzeit schoss der Hamburger SV noch das Tor zum 1:1 (1:0), das Berlins Fußball-Bundesligisten keinen Deut voranbringt. Statt 21 Punkten aus sieben Spielen nur fünf geholt – welch eine jämmerliche Ausbeute.

Dabei sah es lange Zeit so aus, als ob es die Wende zum Guten gäbe. Als Arne Friedrich nach einem Freistoß von Andreas Neuendorf per Kopf das 1:0 erzielte, riefen die Fans „Hurra, hurra, wir sind wieder da!“ und verabschiedeten die Herthaner zur Pause nach langer Zeit mal wieder mit Applaus in die Kabine. Und Stevens, der ungeliebte Trainer, durfte sich zu seiner Maßnahme, die Mannschaft umzukrempeln, beglückwünschen. Kovac, Wichniarek, Mladenow und Madlung ließ er draußen, Luizao, Dardai, Pinto und Rehmer durften rein. Es schien, als ob die Rechnung aufgehen würde. Hertha spielte mit der von Stevens und Manager Dieter Hoeneß geforderten Leidenschaft, bot ansprechende Spielzüge und hatte bei 10:1 Eckbällen ein klares Übergewicht.

Doch nach einer Stunde war alles vergessen. Da zahlte sich aus, dass HSV-Trainer Kurt Jara nach den Rufen der Fans („Ohne Stürmer habt ihr keine Chance“) nun alles nach vorn geworfen hatte, Stefan Beinlich durch einen weiteren Stürmer (Naohiro Takahara) ersetzt und auch noch Bernardo Romeo eingewechselt hatte. Plötzlich hatten die Hamburger, zuvor erschreckend harmlos, ihre Chancen, drückten Hertha mit ihrem Powerplay völlig in die eigene Hälfte zurück.

Es schien, als würden die Berliner förmlich um den Ausgleich betteln. Sie wurden in der Nachspielzeit erhört. Da schoss Björn Schlicke („Ich habe es einfach mal probiert und draufgehalten“) aufs Tor, Tomas Ujfalusi fälschte den Ball mit der Brust unhaltbar für Gabor Kiraly zum 1:1 ins Tor ab. Einige Herthaner reklamierten Handspiel, doch vergeblich. „Es war ein sehr glückliches Tor, aber es war hochverdient“, sagte Jara später. Wer hätte ihm da widersprechen wollen?

Die Herthaner bekamen noch die späte Quittung dafür, dass sie eine halbe Stunde lang kein Mittel fanden, mit Entlastungsangriffen für Ruhe zu sorgen. „Da mangelte es uns wieder an Cleverness. Aber vielleicht mussten wir auch unserem starken Pressing aus der ersten Halbzeit Tribut zollen“, sagte Fredi Bobic. Dass Neuendorf, bis dahin einer der Besten Herthas, nach 66 Minuten mit einer Oberschenkelverletzung ausscheiden musste, war natürlich ein erhebliches Handikap. „Er hätte in der entscheidenden Phase den Ball halten und uns Luft verschaffen können“, sagte Stevens.

Für ihn selbst bleibt die Luft dünn. Nach dem Schlusspfiff gab es wieder „Stevens raus!“-Rufe, während die Spieler nicht nur durch das Werfen ihrer Trikots ins Publikum relativ ungeschoren davonkamen. Auch Manager Dieter Hoeneß, nach dem 0:0 im Uefa-Cup gegen Grodzisk noch so erbost, gab sich bei aller Enttäuschung gelassen. „Wir helfen der Mannschaft doch nicht, wenn wir wieder auf sie draufschlagen“, sagte er. Was bleibt, ist Ratlosigkeit.

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