Sport : Hertha BSC/1.FC Union: Training gegen die Trauer

Karsten Doneck,Stefan Hermanns

Normalerweise beginnt das Training beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC morgens immer um Punkt zehn Uhr. Wer auch nur eine Minute zu spät kommt, muss einen Beitrag in die Mannschaftskasse entrichten. Gestern aber traten die Profis des Berliner Bundesligisten erst fünf Minuten nach zehn aus der Kabine an der Hanns-Braun-Straße. Fünf Minuten lang hatten sie der Opfer der Terroranschläge in den Vereinigten Staaten gedacht, genauso Herthas Geschäftsstellenmitarbeiter.

Eigentlich hätten Herthas Spieler gestern in Belgien beim KVC Westerlo ihre Erstrundenbegegnung im Uefa-Cup austragen sollen. Doch anders als die Bundesligaspiele am Wochenende wurden die europäischen Pflichtspiele für Mittwoch und Donnerstag abgesagt. Am Sonntag gegen 1860 München (17.30 Uhr) steht für Herthas Profis somit wieder das normale Tagesgeschäft auf dem Programm - sofern in diesen Tagen überhaupt etwas normal ist. Als Begründung für die Nicht-Absage des Bundesligaspieltags hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) den ohnehin engen Terminplan genannt. Dieses Problem gilt für Hertha schon jetzt. Sollte die Uefa-Cup-Begegnung in Westerlo wie geplant am Donnerstag nachgeholt werden, müsste Hertha bereits zwei Tage später wieder in Kaiserslautern antreten. Hertha bemüht sich daher, das Spiel in Westerlo auf den Mittwoch zu legen, vermutlich zum Unwillen der Uefa. "Der Mittwoch ist Champions-League-Tag", erklärt Herthas Pressesprecher Hans-Georg Felder. Aber dass sich die Uefa in ungewöhnlichen Situation zu ungewöhnlichen Maßnahmen durchringen kann, hat sie - wenn auch einen Tag zu spät - am Mittwoch mit der Absage der Europapokalspiele bewiesen.

Auch der Zweitligist 1. FC Union trainiert weiter, bereitet sich auf das Auswärtsspiel am Sonntag bei Waldhof Mannheim vor. Trainer Georgi Wassilew hatte die Mannschaft noch am Mittwochabend auf den Trainingsplatz gebeten, nachdem sie zuvor knapp zehn Stunden unterwegs gewesen war. Union war in dieser Zeitspanne zum Uefa-Cup-Spiel bei Haka Valkeakoski nach Helsinki geflogen und nach der Absage am späten Nachmittag gleich wieder zurück.

"Wir dürfen keine Zeit verschwenden." So begründete Wassilew seine Sofortmaßnahme unmittelbar nach der Landung in Berlin. Die Terroranschläge in den USA geraten durch erhöhte Arbeitsbelastung indes auch bei den Fußballprofis nicht ganz in Vergessenheit. "Die Trauer um die Opfer wird auch in der nächsten Woche noch genauso groß sein wie jetzt", sagt Kapitän Steffen Menze. Torwart Sven Beuckert meint aber auch: "Das ist nun mal unser Job. Andere müssen doch auch ihrer Arbeit nachgehen. Es kann ja jetzt nicht alles stillstehen." Am kommenden Donnerstag (20. September) soll die Partie in Valkeakoski nachgeholt werden, Abreisetag ist am Tag zuvor.

Noch keine Entscheidung hat die Uefa darüber getroffen, ob und in welchem Umfang sie Vereine und ihre Fans für die durch die Spielabsagen entstandenen Kosten entschädigen wird. Nicht ausgeschlossen, dass die Reisekosten des 1. FC Union in Höhe von rund 50 000 Mark noch gesenkt werden, weil die an der Tour beteiligten Partner sich kulant zeigen wollen, indem sie dem Verein Preisnachlässe gewähren. Ob die dann verbliebene Restsumme einklagbar ist, erscheint äußerst fraglich. Für Spielausfälle dieser Art finden sich in den Uefa-Statuten keine verbindlichen Richtlinien. In Artikel zehn des Reglements für den Uefa-Cup werden zwar Entschädigungen bei Spielausfällen wegen atmosphärischer Einflüsse oder aufgrund höherer Gewalt in Aussicht gestellt, aber beide Kriterien treffen wohl kaum auf die Vorgänge in den USA zu.

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