• Hertha BSC - 1860 München: Spielen, foulen, schreien, pöbeln - Nach der Schweigeminute herrscht wieder Alltag im Olympiastadion

Sport : Hertha BSC - 1860 München: Spielen, foulen, schreien, pöbeln - Nach der Schweigeminute herrscht wieder Alltag im Olympiastadion

Klaus Rocca

Schon nach vier Minuten war Markus Schroth klar, dass ihn der Fußball-Alltag wieder eingeholt hatte. Da rammte Herthas Abwehrspezialist Dick van Burik dem Münchner den Stiefel ins Gesicht. Unabsichtlich, aber allemal schmerzhaft für den Münchner. Schroth ging benommen zu Boden, ließ sich behandeln und einen Verband anlegen. Mit dem spielte er noch einige Zeit, ehe Trainer Werner Lorant mit ihm ein Einsehen hatte und ihn vom Feld nahm. Dass van Burik wenig später auch verletzt den Rasen des Olympiastadions verließ, passte ins Bild.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Da hatten beide Mannschaften, mit Trauerflor, vor dem Anpfiff einen Kreis gebildet und der Opfer in Amerika schweigend gedacht. Fußball, so hätte man meinen können, war auch an diesem Abend noch Nebensache. Falsch gedacht. Zwei Rote Karten, eine Gelb-Rote und fünf Gelbe - Fußball war wieder das, was er vor New York und Washington war. Trotz aller Beteuerungen. Das Leben geht halt weiter. Mögen auch noch so wohl gemeinte Worte fallen.

Der Münchner Trainer Werner Lorant bekundete nach dem Spiel, es falle ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Minuten zuvor, nach dem Schlusspfiff, hatte er noch wutentbrannt eine Pylone auf den Rasen geschleudert. Und während der 90 Minuten gebärdete er sich so, wie man es von ihm gewohnt ist. Temperamentvoll, könnte man es wohlwollend nennen. Doch an diesem Abend drängten sich eher andere Adjektive auf.

Verhaltene Reaktionen hätte man eher erwarten können. Auch verhaltenen Jubel. Als Michael Preetz das alles entscheidende Tor köpfte, reckte er in bekannter Manier die Arme in die Höhe und ließ sich feiern. Auch von Gabor Kiraly, der zur Gratulationscour weit aus seinem Tor lief.

Immerhin, Spruchbänder im Stadion ließen die Erinnerungen wach bleiben. "Berlin fühlt mit Amerika", stand da, auch "Wir trauern mit euch" und "We feel with you". Auch Blumen waren im Block N auf die übergroße amerikanische Fahne gelegt worden. Bei der Schweigeminute freilich war schon wieder vieles vergessen. Ein Zwischenruf aus dem Berliner Block wurde mit Gelächter und Beifall quittiert. Und auf das "Schiri, du Arschloch" musste man auch nicht mehr lange warten. Auch nicht auf die "Pfui"-Rufe und die gellenden Pfiffe. Der Fan reagierte sich ab. Oder er verhielt sich so wie immer.

Es wird wieder gespielt und gefoult, geschrieen und gepöbelt. Der Fußball-Alltag hat Berlin wieder. Im Stadionprogramm hatte Herthas Manager Dieter Hoeneß verlauten lassen: "Wir dürfen diesen skrupellosen Mördern nicht das Gefühl geben, dass sie die freie Welt durch solche Gewaltakte aus den Fugen heben können." Weit und breit im Stadion war keiner, der widersprechen wollte.

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