Hertha BSC - 1899 Hoffenheim : Der Wahnsinn hat Methode

Halbvolle Stadien sollen Geschichte sein. Hoffenheim setzt auf Spektakelfußball für ein besseres Image – das ist heute für Hertha Chance und Risiko.

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Kunstprodukt Feuerwerk. Viele Fans schätzen die offensive TSG-Spielweise, ausverkauft ist die Rhein-Neckar-Arena aber selten.  Foto: Imago
Kunstprodukt Feuerwerk. Viele Fans schätzen die offensive TSG-Spielweise, ausverkauft ist die Rhein-Neckar-Arena aber selten. Foto: Imago

Wenn er es für nötig hält, präsentiert Alexander Rosen Gesprächspartnern einen ernsten Gesichtsausdruck. Dann sagt der Manager, keiner bei der TSG Hoffenheim wolle irgendwem erklären, wie Fußball funktioniere. Dies zu betonen, scheint Rosen notwendig. "Klar wollen wir Fußball spielen wie 2008/2009", sagt er. Damals stürmte der Aufsteiger begeisternd zur Herbstmeisterschaft, aber stieß viele mit der besserwisserischen Art vor den Kopf. Nun gehe man anders an dieses Ziel heran. Der neue Plan stütze sich auf drei Säulen: "Dieser Klub will sich über die Art seines Fußballs definieren, über junge Spieler und Bescheidenheit."

Projekt: Hoffenheimer Imagewandel

In dieser Saison definiert sich der Klub in seiner Außenwirkung jedoch vor allem über eines: das Spektakel. Nur Bayern München hat mehr Tore erzielt als die 63 Hoffenheims, kein Verein mehr kassiert als die 62 Gegentore. Ein 0:0? Nicht mit Hoffenheim, eher 4:4. Das ist Chance und Risiko zugleich für den heutigen Gegner Hertha BSC (17.30 Uhr im Olympiastadion). Die Berliner taten sich zuletzt schwer mit dem Toreschießen – aber auch mit dem Verhindern von Gegentreffern. Doch der Hoffenheimer Wahnsinn hat durchaus Methode und Hintergrund.

Rosen macht keinen Hehl daraus, dass Hoffenheim versucht, sein Image zu ändern. Die andere Art, Fußball zu spielen, hilft, diese Botschaft zu transportieren. "Hier definiert sich keiner über markige Sprüche, unrealistische Zielsetzungen und Megatransfers", sagt der 34 Jahre alte Ex-Profi, der seit einem Jahr Direktor Profifußball in Zuzenhausen ist.

Das Auftreten, gesteht er ein, mag vielleicht in der Vergangenheit arrogant gewirkt haben. Als der von Milliardär Dietmar Hopp alimentierte Klub als Zweitligist Millionentransfers umsetzte, dann vom internationalen Fußball träumte, am Ende scheiterte und als Folge einen aufgeblähten Kader von 47 Profis besaß. Der Luxus-Kader wurde mittlerweile halbiert. Es ist laut Rosen nun "Schluss mit der Scheckbuch-Politik". Dass auch junge Top-Talente kostspielig sind, sagt er nicht.

Spott über den "Retortenklub"

Die Hoffenheimer werden weiter misstrauisch betrachtet in der Bundesliga, viele Fans verspotten den Verein als Retortenklub und Kunstprodukt, dem sie die Daseinsberechtigung im Profifußball absprechen. Das hat Rosen längst mitbekommen. Deshalb wiederholt er seine Botschaften gerne. Gleichzeitig sehen er und Trainer Markus Gisdol Fortschritte. Mehr und mehr wird Hoffenheim wegen seines extrem offensiven und risikoreichen Fußballs als Spektakel-Klub wahrgenommen. "Wenn die Leute kommen, sollen sie danach sagen, da war vielleicht was los auf dem Platz", sagt Gisdol. Hoffenheim dürfe nicht versuchen, ein gewöhnlicher Bundesligaklub zu werden, meint er. Die TSG müsse ihre eigene Art entwickeln.

Die Art hat viel mit Mut zum Risiko zu tun. Das fasziniert derzeit mehr die Fußballszene bundesweit als die eigenen Anhänger; die TSG-Arena ist selten ausverkauft. Trotzdem kommt die TSG manchem als Trendsetter daher, der im Gegensatz zu Traditionsklubs wie Stuttgart, Bremen und dem HSV mit einem jungen Team frische Ideen liefert. Mutig heißt im Fall Hoffenheim, viele Tore und viele Gegentore. Wie eine Doktrin setzt die TSG um, was Gisdol laut eigener Aussage "bis zum Erbrechen" trainieren lässt: Steilpässe, schnelles Umschaltspiel und sofortige Balleroberung. Gisdol schwärmt für Balleroberung statt Ballbesitz – und einen möglichst schnellen Torabschluss.

"Sobald der Gegner offensiv denkt, packen wir zu", beschreibt Gisdol Hoffenheims Stil. "In diesen ein, zwei Sekunden ist die Chance auf eine eigene Torchance am größten." Diese sehr schnelle Spielweise erfordert hohe Laufbereitschaft und schnelle Reaktionen. Hoffenheim überspannt das Spielfeld mit einem Netz aus Spielern, die sofort nachrücken und versuchen, den Gegner einzuschnüren. Gisdol bemüht dafür den Begriff der "Schwarm-Intelligenz".

"Das wird sauschwer"

Das Risiko dabei ist, das eigene Umschaltspiel nicht schnell genug einzuleiten und eine verzögerte Reaktion auf neue Spielsituationen, die der Gegner schafft. Nicht nur die TSG, auch die Gegner kommen schnell zu Torchancen. Da leistet sich Hoffenheim zu oft ein "geordnetes Chaos", wie Gisdol es ausdrückt. Das bedeutet, die Hoffenheimer können den eigenen Angriffswirbel und die Vermeidung gefährlicher Lücken in Mittelfeld und Abwehr nicht in eine akzeptable Balance bringen. So entstehen extreme Resultate: 4:1 und 5:1 in Hamburg und Hannover und 2:6 in Stuttgart oder 0:4 in Nürnberg.

Hilft das den Berlinern, nach zuletzt sechs sieglosen Spielen mit einem Torverhältnis von 2:12? "In der Phase der Überlegenheit müssen wir zuschlagen", fordert Trainer Jos Luhukay. „Und wenn der Gegner überlegen ist, dürfen wir keine Gegentore bekommen. Das wird sauschwer."

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