Hertha BSC : Als Beckenbauer ins eigene Tor traf

Triumphe und Blamagen: Spiele zwischen Berlin und dem FC Bayern waren schon immer etwas Besonderes. Ein Rückblick

Sven Goldmann
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DAS ERSTE MAL



7.9.1968, Bayern – Hertha 3:0



Weil die Bayern bei der Bundesliga-Gründung 1963 noch nicht dabei waren und erst zwei Jahre später aufstiegen, als Hertha in die Regionalliga zwangsversetzt wurde, kommt es erst 1968 zum ersten Bundesligaduell. August Starek, Gerd Müller und Rainer Ohlhauser schießen schon nach einer halben Stunde eine 3:0-Führung heraus. Allein Herthas 18 Jahre junger Stürmer Arno Steffenhagen fordert die Münchner Abwehr, für die Franz Beckenbauer gerade den Libero erfindet. „Mit ein bisschen Glück hätten die Berliner vielleicht auch ein Tor schießen können“, sagt Bayerns Trainer Branko Zebec hinterher gönnerhaft.


DER ERSTE SIEG

30.10.1969, Bayern – Hertha 1:2

Ein Jahr später haben sich die Gewichte schon ein bisschen verschoben. Vor dem Spiel spekulieren die Boulevardblätter über einen Wechsel Franz Beckenbauers nach Berlin, nachher plaudert Herthas Trainer Helmut Kronsbein schon mal vom Titel. Lange steht es 1:1, kurz vor Schluss muss Tasso Wild im Strafraum beide Hände zur Hilfe nehmen, um Gerd Müller am Schuss zu hindern. Den fälligen Elfmeter löffelt Müller selbst direkt in die Hände des Berliner Torhüters Gernot Fraydl. Zwei Minuten später hüpft der flinke Steffenhagen durch die Bayernabwehr und trifft zum Sieg.

DER STÜRMENDE SCHIEDSRICHTER

30.1.1971, Hertha – Bayern 3:3

Zweimal gehen die Bayern in Führung, Hertha schafft zweimal den Ausgleich. Als Uli Hoeneß in der 77. Minute das 2:3 Tor gelingt, scheint das Spiel entschieden. Da rafft sich Arno Steffenhagen zu einem letzten Sprint auf, Bayerns Rainer Zobel hält mit, gemeinsam trudeln die beiden in Richtung Grundlinie. Schiedsrichter Walter Eschweiler entscheidet auf Elfmeter, den Lorenz Horr zum 3:3 verwandelt. Auf die Frage, wer denn der beste Berliner Stürmer gewesen sei, antwortet Nationaltorwart Sepp Maier nach dem Spiel: „Natürlich der Eschweiler!“

DER HÖCHSTE SIEG

1.2.1975, Hertha – Bayern 4:1

Schon nach neun Minuten verkündet der Stadionsprecher: „1:0 für Hertha, Torschütze Lorenz Horr“, aber Franz Beckenbauer wird ihn später korrigieren: „Das war leider ein Eigentor von mir.“ Ein 19-Jähriger namens Karl-Heinz Rummenigge kann ausgleichen, aber Erich Beer trifft nach Gerd Müllers haarsträubendem Rückpass zum 2:1. Wolfgang Sidka und abermals Beer legen noch zwei nach. Am Saisonende landen die Bayern auf Platz zehn, die Berliner werden hinter Mönchengladbach Zweiter. So gut sind sie nie wieder gewesen.

DIE MEISTEN TORE

12.6.1976, Bayern – Hertha 7:4

Am letzten Spieltag pfeifen 21 000 Zuschauer im Münchner Olympiastadion ihre Mannschaft aus. Nach einer denkwürdigen ersten Hälfte verweigern die Bayern die Arbeit. Gerd Müller schießt vier Tore hintereinander, zur Pause steht es 6:0. Aber in der Liga hat es für die Bayern nur zu Platz drei gereicht, der Höhepunkt des Jahres war einen Monat zuvor das 1:0 gegen St. Etienne zum Final-Hattrick im Europapokal der Landesmeister. Müller gelingt noch ein fünftes Tor, aber am Ende stiehlt ihm der 22-jährige Berliner Detlef Szymanek die Schau, der binnen sieben Minuten drei Tore schießt.



DER LETZTE AUSWÄRTSSIEG

29.10.1977, Bayern – Hertha 0:2

Ein Sieg in München? Im Oktober 1977 war das für Hertha die normalste Sache der Welt. Die Bayern haben kaum eine Torchance. Herthas Däne Jörgen Kristensen reißt das Münchner Publikum zu Beifallsstürmen hin. Gerd Grau schießt Hertha in Führung, Bernd Gersdorff erzielt nach schönem Solo das 2:0. Einundzwanzigeinhalb Jahre später muss Gersdorff immer noch Interviews geben. Und erklärt bereitwillig, wie einfach es sein kann, beim FC Bayern zu gewinnen.

DAS HOENESS-TOR

15.9.1979, Bayern – Hertha 1:1

Wieder schießt Gersdorff kurz vor Schluss ein Tor. Dieses Mal reicht es nur zu einem Remis, weil vorher ein gewisser Dieter Hoeneß zur Münchner Führung getroffen hat. Am Saisonende steigt Hertha ab, ein Punkt fehlt zur Rettung. Kennt Herthas neue Vereinssatzung den Tatbestand der mutwilligen Beihilfe zum Abstieg? Dieter Hoeneß hat sich in dieser Angelegenheit bis heute nicht erklärt.

DIE HÖCHSTE NIEDERLAGE

25.5.1991, Bayern – Hertha 7:3

Es ist die Berliner Viertrainersaison: Auf Werner Fuchs folgt Pal Csernai folgt Peter Neururer, der erfolgloseste Hertha-Trainer aller Zeiten. Das 3:7 vollendet seine Bilanz von 2:38 Punkten. Danach ist Schluss. Zum Verhängnis wird Neururer ein Interview, in dem er die Klubführung als Totengräber des Vereins bezeichnet. Nachfolger wird Karsten Heine, dem am vorletzten Spieltag immerhin gelingt, was Neururer versagt blieb: ein Sieg, 2:1 in Uerdingen.



DER LETZTE SIEG

2.12.2001, Hertha – Bayern 2:1

Vier Tage zuvor hat der Champions-League-Sieger FC Bayern den Südamerikameister Boca Juniors 1:0 besiegt, was den Münchnern neben einem riesigen Pokal auch eine lange Heimreise aus Tokio beschert. Niko Kovac verwandelt einen Freistoß zur Bayern-Führung, aber dann lassen die Kräfte nach. Andreas Neuendorf gleicht aus, kurz vor Schluss erzielt Pal Dardai das Tor zum vorerst letzten Berliner Bundesligasieg über die Bayern. Vier Tage später ist Hertha wieder ganz klein, nach einer 0:3-Niederlage im Uefa-Cup gegen Servette Genf. Der Genfer Trainer erzählt, wie leicht es doch sei, gegen eine taktisch so limitierte Mannschaft zu gewinnen. Der Mann heißt Lucien Favre.



DEISLERS RÜCKKEHR


10.5.2003, Hertha – Bayern 3:6

Ein Jahr nach seinem von viel bösem Blut und hohem Handgeld begleiteten Abschied kehrt Sebastian Deisler zurück. Er benötigt 23 Minuten, um die Pfeifen im Publikum zu disziplinieren. Innerhalb von 60 Sekunden legt er Claudio Pizarro zwei Tore auf. Zur Halbzeit, die Bayern führen 5:1, begleitet ihn ein Ordner mit einem Regenschirm, auf dass kein Bierbecher den einstigen Publikumsliebling trifft. Deisler macht ein großartiges Spiel, und als er zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt wird, stehen Herthas Fans auf und applaudieren.

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