Sport : Hertha BSC: Auffällig unauffällig

Stefan Hermanns

Andreas Schmidt ist bei Herthas Trainingslager in Kaprun zeitweise in die Rolle des unbeteiligten Beobachters geschlüpft. Gezwungenermaßen. Seine Adduktoren haben Ärger gemacht, und deshalb ist Schmidt zwei Tage lang nur ein wenig um den Platz gelaufen. Was seine Kollegen derweil mit dem Ball machten, fand er gut. Vor allem die Zugänge hält er für "qualitativ hochwertige Spieler".

Zum Thema Saisonrückblick: Das Hertha-Konzentrat bei Tagesspiegel Online Die Situation ist nicht neu bei Hertha. Seit dem Aufstieg vor vier Jahren wurde die Mannschaft mit mehr oder weniger prominenten Spielern verstärkt: Im ersten Jahr kamen Rekdal und Roy, dann Wosz und Tretschok, später Deisler und Rehmer, Beinlich und Alves, jetzt Goor und Marcelinho. "Eine konsequente Weiterentwicklung" sei das, sagt Manager Dieter Hoeneß. Spieler wie Schmidt, die einfach immer da waren, geraten in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund. Seit 1991 spielt Schmidt für Hertha, mit den Amateuren stand er 1993 im Pokalfinale, 1997 war er beim Aufstieg dabei, und zuletzt spielte er in der A 2-Nationalmannschaft. Trotzdem gilt er Jahr für Jahr als einer derjenigen, die der verstärkten Konkurrenz nicht werden standhalten können. "In der Regel habe ich mich doch durchgesetzt", sagt Andreas Schmidt.

Der 27-Jährige gehört zu Herthas Aufstiegshelden. Sechs von ihnen stehen im aktuellen Kader. Außer Schmidt Ersatztorhüter Christian Fiedler, Eyjölfur Sverrisson, Pal Dardai, Michael Hartmann und Kapitän Michael Preetz. "Das ist eine sensationelle Quote", sagt Schmidt. "Beim VfL Wolfsburg, der zusammen mit uns aufgestiegen ist, spielt schon seit zwei Jahren kein Einziger mehr aus der Aufstiegsmannschaft."

Andreas Schmidt weiß, dass es auch in dieser Spielzeit "wieder sehr eng wird". Dass er jedes Jahr zum Spekulationsobjekt wird, sei "keine schöne Situation". Dieter Hoeneß hält ihn sogar für "einen enorm wertvollen Spieler", der alle Voraussetzungen habe, noch in die Nationalmannschaft zu kommen. Vielleicht fehlt Schmidt ein bisschen jenes Machtbewusstsein, das herausragende Spieler auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld auszeichnet. "Er muss und er darf sich noch mehr zutrauen", sagt Hoeneß, doch er sei eben nicht unbedingt ein lauter. "Das ist mein Naturell", sagt Schmidt. Auffällig an ihm ist allenfalls seine Unauffälligkeit.

Schmidt sagt, dass bei ihm "Disziplin weit vorne steht". Das prädestiniert ihn auch für die Aufgabe, Herthas Mannschaftskasse zu verwalten. Ein undankbarer Job. Man muss bei den Kollegen die Strafen eintreiben, die keiner gern bezahlt; und vermutlich wartet manch einer nur darauf, dass Schmidt selbst auffällig wird, zu spät zum Training kommt und zahlen muss. Die Aussichten sind gering. Mit dem Auto braucht Andreas Schmidt sieben Minuten bis zum Olympiastadion. "Wenn man eine halbe Stunde vor dem Training losfährt", sagt er, "kann relativ wenig passieren."

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