Hertha BSC : Aufholen, ohne einzuholen

Nach der Niederlage in Hamburg erweist sich Herthas Motto im Abstiegskampf als inhaltsleer. Was nutzt es in dieser Lage eigentlich, dass Friedhelm Funkel sich noch in Hamburg in Verschwörungstheorien verrennt?

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Allein im Tor. "Gegen uns hat sich alles verschworen", glaubt Herthas Trainer Funkel.Foto: ddp

Berlin - Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, dann wird auch Hertha BSC wieder ein Fußballspiel gewinnen. Dann werden die Spieler wie befreit aufspielen und recht hübsch kombinieren. Möglich also, dass noch der eine oder andere Punkt rausspringt. Nur leider steht zu befürchten, dass es erst dann so weit sein wird, wenn es längst zu spät ist. Dann nämlich, wenn der Abstieg in die Zweite Liga nicht mehr zu verhindern sein und es nur noch darum gehen wird, irgendwie erhobenen Hauptes aus der Nummer rauszukommen, ohne den Anhang gänzlich zu vergraulen.

Es gibt Niederlagen, und die vom Wochenende in Hamburg zählt dazu, die sind vermeidbar. Hertha hätte ein Unentschieden verdient gehabt, nach dem vergleichsweise aufgeweckten wie körperbetonten Eindruck, den die Berliner Profis in der zweiten Halbzeit hinterließen. Es war eine Sorte Niederlage, die normalerweise nicht darüber entscheidet, ob eine Mannschaft absteigt oder nicht. Dass es bei Hertha so gedeutet werden darf, liegt daran, dass die Berliner sich über Monate hinweg konsequent erst in eine solche Situation gebracht haben, in der nichts mehr normal ist. Es fehlen schlicht die Punkte. Und: Die Gegner, die Hertha zu schlagen imstande ist, sind längst ausgegangen, weil es offenbar nur zwei davon gibt: Hannover 96 und den SC Freiburg.

Was nutzt es in dieser Lage eigentlich, dass Friedhelm Funkel sich noch in Hamburg in Verschwörungstheorien verrennt? „Gegen uns hat sich alles verschworen“, klagte der 56 Jahre alte Funkel nach seinem 450. Bundesligaspiel als Trainer. Und was will er bezwecken, wenn er sagt: „Ich glaube, der HSV weiß überhaupt nicht, warum er das Spiel gewonnen hat.“ Nun, vielleicht wusste der eine oder andere beim HSV tatsächlich nicht, warum das Spiel gegen die Berliner gewonnen wurde. Dabei war der Grund offenkundig. Der HSV war die bessere Mannschaft, weil sie das gemacht hat, was Hertha im Augenblick nicht kann: ein Tor erzielen.

In 25 Saisonspielen hat Hertha 21 Tore zustande gebracht – bei mehr als doppelt so vielen Gegentoren.

„Insgesamt ist es zu wenig, auch wenn wir alles versuchen. Das ist ernüchternd“, sagte Arne Friedrich. Dem Mannschaftskapitän darf man durchaus den einen oder anderen Fehler vorwerfen, nur eben nicht, dass Hertha in der Offensive so harmlos ist wie selten. Wie sagte doch Michael Preetz: „Unser Problem ist das Auslassen der Torchancen.“ Allerdings vergaß Herthas Manager zu sagen, dass das nicht nur mit Pech zu tun hat, sondern wohl auch mit Unvermögen.

Den Berlinern laufen die Spiele und damit die Gelegenheiten weg. Was wollen sie nun tun, die selbst ernannten Aufholjäger? Was können sie tun, damit wieder eine ordentliche Kulisse zusammenkommt am kommenden Wochenende? Dann besucht der gerade erstarkte 1. FC Nürnberg den Allerletzten in Berlin. Wollen Preetz und Funkel das wiederholen, was sie seit Wochen sagen? Dass die Mannschaft alles geben wird, dass die Spieler über Grenzen gehen, dass sie mit Leidenschaft kämpfen wollen? Und was wollen die Chefs der Führungsgremien, Werner Gegenbauer und Bernd Schiphorst, sagen? Dass Hertha auf die Unterstützung des Publikums angewiesen ist, dass es fast gesellschaftliche Pflicht ist, ins Stadion zu gehen und Hertha zu unterstützen, weil doch nicht sein kann, dass die Hauptstadt bald ohne Erstligafußball dasteht? Und wie würden das mit der Hauptstadt jene verstehen, die aus Brandenburg kommen? Das ist immerhin die Hälfte derer, die zu Hertha gehen.

Viel können sie bei Hertha BSC wirklich nicht mehr tun. Vielleicht könnte man dieses unsinnige, weil inzwischen inhaltsleere und fast schon demagogisch wirkende Motto mal weglassen, um noch halbwegs anständig aus der Nummer rauszukommen. Der VfB Stuttgart ist ein Klub, der den Titel Aufholjäger verdient. Der VfB war nach der Hinrunde punktgleich mit dem Drittletzten, hat aber inzwischen 19 Punkte in der Rückrunde dazugeholt. Hertha holt immer nur theoretisch auf.

Noch ist der Klassenerhalt ja möglich, von den Punkten her. Nur leider hat das bisher nicht viel zu bedeuten gehabt.

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