Sport : Hertha BSC - Bayern München: Von wegen Besinnlichkeit

Detlef Dresslein

Was bei Weihnachtsfeiern mitunter herauskommen kann, weiß Franz Beckenbauer spätestens seit August und auch der Rest der Welt seit einigen Wochen. Vor einem Jahr auf einer solchen vereinsinternen Weihnachtsfeier soll es gewesen sein, als sich der Kaiser zu allerlei hinreißen ließ und deshalb nun ein kleines Kaiserlein auf der Welt ist. Nun war am Freitag an der Säbener Straße wieder alles ruhig, weil sich das gesamte Personal zur adventlichen Festivität traf. Beckenbauer war diesmal nicht dabei, die Mannschaft sowieso nicht. Die musste sich auf die Arbeit vorbereiten und auf die Reise nach Berlin am gestrigen Sonnabend. Aber Besinnlichkeit kennt man beim FC Bayern derzeit ohnehin nicht.

Gerade hatten sich die Turbulenzen um Carsten Janckers vermeintlich unsaubere politische Tendenzen wieder gelegt, da geriet Bixente Lizarazu in Bedrängnis. Er wird von den baskischen Terroristen der ETA bedroht und taucht an der Säbener Straße derzeit nur mit Leibwächtern auf. Am Freitag reiste er nach Paris, um die Sache mit dem Innenminister Daniel Vaillant zu besprechen. Auch wenn der Franzose derzeit ohnehin verletzt fehlt, belastet die Angelegenheit auch den Rest der Equipe. "Mit der Angst zu leben ist etwas Schreckliches", sagt Trainer Ottmar Hitzfeld. Und Stefan Effenberg weiß: "Wir können ihm nicht helfen."

Für die Bayern wird es nicht nur deshalb besonders schwer in Berlin. Sie quälen sich derzeit über die Runden. Der 2:1-Sieg gegen den Hamburger SV nach einer eher halbwertigen Leistung und das geschenkte 0:0 in Kaiserslautern kurz zuvor nähren den Verdacht, dass sich die Münchner in die Winterpause mogeln. "Alles Kopfsache", weiß Torwart Oliver Kahn, der auch schon Nervosität bei den vermeintlichen stets kühlen Mitstreitern feststellen musste: "Das Selbstvertrauen geht flöten, und Angst macht sich breit." Kapitän Stefan Effenberg hat in den Kalender geschaut und gibt die Parole aus: "Wir müssen uns noch mal neunzig Minuten lang voll verausgaben. Danach kommen Weihnachten, Silvester, Urlaub".

Auch weil die Münchner bereits seit 18 Jahren nicht mehr bei der Hertha siegten, erscheint es diesmal besonders wichtig zu gewinnen. Trainer Hitzfeld spricht von den "Big Points, die her müssen". Schließlich sei es "psychologisch sehr wichtig, den Abstand zur Tabellenspitze zu verkürzen und gut in die Rückrunde zu starten. Das Stadionchaos, ein weiterer Tagesordnungspunkt, der den Bayern auf der Seele lastet, verleitet Trainer Hitzfeld sogar zu einer doch sehr gewagten Vorfreude auf den Baustellenfußball im Berliner Olympiastadion: "Es erwartet uns ein Hexenkessel. Aber wir freuen uns darauf, da wir hier in München nicht so eine tolle Atmosphäre haben."

Auch personell sieht es schlecht aus. Weil Michael Tarnat gesperrt und Willy Sagnol verletzt ist, muss Hitzfeld womöglich gar den bereits aussortierten Thomas Strunz auf der rechten Seite aufbieten. Der Mittelfeldspieler bekam nach einem Streit mit Hitzfeld vor dem Spiel gegen den Hamburger SV bereits die Freigabe zur Winterpause und soll bei der Lokalkonkurrenz vom TSV 1860 im Gespräch sein.

So bleibt nur die Hoffnung, dass man sich mit der Aussicht auf Urlaub noch mal aufraffen kann und auch der Gegner nicht allzu spritzig ist. "Auch Hertha hatte ein ähnlich hartes Programm wie wir und auch zuletzt etwas nachgelassen", hat Hitzfeld beobachtet und blickt auch schon weiter: "Danach sollen sich die Spieler regenerieren und wieder auf Fußball freuen". Am 20. Januar des kommenden Jahres treffen die Münchner erneut auf die Berliner, dann aber in einem Freundschaftsspiel im Rahmen des Trainingslagers. Unter erfreulicheren Bedingungen: Ausgeruht nämlich und im mildwarmen Malaga in Andalusien.

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