Hertha BSC Berlin mit Verletzungssorgen : Rune Jarstein: Hüter der Hoffnung

Rune Jarstein soll bei Hertha BSC nach dem Ausfall von Stammkeeper Thomas Kraft gegen Köln im Tor stehen. Das muss keine Schwächung bedeuten.

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Rune Jarstein hat bei Hertha BSC bisher nur wenige Chancen bekommen - jetzt kann er sich beweisen.
Rune Jarstein hat bei Hertha BSC bisher nur wenige Chancen bekommen - jetzt kann er sich beweisen.Foto: dpa

Rune Jarstein machte am Sonntagvormittag die Becker-Faust. Der frühere deutsche Tennisheld hatte die Geste immer dann gemacht, wenn er in heikler Situation einen wichtigen Punkt erzielt hatte – vorzugsweise gehechtet. Dem Reservetorhüter von Hertha BSC reichte am Sonntag ein Törchen im Trainingsspiel auf Handballtore. Als er bald darauf einen Treffer folgen ließ und auch sonst ein paar schneidige Pässe in die Tiefe spielte, raunte Kapitän Fabian Lustenberger: „Hey Rune, bist wohl ’n Zehner?“

Vom Typ Spielmacher ist Rune Jarstein ungefähr so weit entfernt wie Sandro Wagner von der Torjägerkanone. Jarstein ist nicht mal Feldspieler. Der 30 Jahre alte Norweger ist zweiter Torhüter bei Hertha BSC und tritt eher selten in Erscheinung. Aber ja, Jarstein kann auch Fußball spielen – ein inzwischen für Torhüter nicht zu vernachlässigendes Qualitätsmerkmal. Dass darunter nicht seine Kernkompetenz leidet, zeigte er am Tag zuvor. Da Thomas Kraft bei Halbzeit gegen den VfL Wolfsburg verletzt in der Kabine bleiben musste, kam Jarstein am Samstag zu einer der wenigen Gelegenheiten, sich mal wieder einem größeren Publikum zu zeigen. Zwar unterlag Hertha dem Vizemeister am Ende mit 0:2 (0:0), an Jarstein hatte es am allerwenigsten gelegen. Im Gegenteil. Mit zwei Glanzparaden verhinderte er einen sehr viel früheren Rückstand und mithin ein mögliches Debakel.

„Rune ist sehr gut reingekommen, denn es ist ja nicht ganz einfach für einen Torwart, wenn er bei Halbzeit ins Spiel muss“, sagte Michael Preetz. Herthas Manager bescheinigte dem 1,90 Meter großen Norweger einen starken Auftritt. „Er hat seine Stärken bei hohen Bällen, verfügt über gute Reflexe auf der Linie und kann richtig gut Fußball spielen.“

Dem geneigten Hertha-Fan kann bei einer solchen Wertschätzung die Frage in den Sinn kommen, warum Jarstein nicht öfter das Tor der Berliner hüten darf. Oder anders gefragt: Was, bitteschön, hat Kraft dem Norweger voraus?

Was hat Thomas Kraft dem Norweger Jarstein eigentlich voraus?

Vermutlich wird sich diese oder ähnliche Fragen auch Jos Luhukay zu seiner Zeit als Trainer von Hertha BSC gestellt haben, weshalb er sich im Winter 2013/2014 sehr für einen Transfer Jarsteins eingesetzt hat. Und so kam Jarstein, der seinerzeit die Nummer eins der norwegischen Nationalmannschaft war, nach Berlin. Luhukay, der immer wieder mal Kritik an Kraft übte und vor allem Mängel bei hohen Bällen sowie in der Spieleröffnung anmerkte, wollte auf der Torhüterposition Konkurrenzkampf entfachen. Tatsächlich konnte sich Kraft in der Folgezeit steigern und legte solide Einsätze hin. Jarstein blieb im Verborgenen. Bis jetzt. Denn obgleich erst eine MRT-Untersuchung am Montag Klarheit über die Schwere von Krafts Schulterverletzung bringt, wird Jarstein auch am Dienstag im Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Köln das Berliner Tor hüten. „Ich weiß jetzt nicht, was mit Thomas ist, aber ich konzentriere mich auf Dienstag. Ich muss da sein, wenn sich mir die Chance bietet“, sagte Jarstein.

Pal Dardai schenkt dem Norweger gern das Vertrauen. „Er hat ein paar Flanken gut runtergeholt, er war gut“, sagte der Trainer. Allerdings sieht er bei Jarstein noch Steigerungspotenzial: „Er muss noch eine bessere Ausstrahlung bekommen.“ Doch die bekommt man eben nicht auf der Reservebank, sondern nur im Wettkampfrhythmus.

Der verletzungsbedingte Wechsel von Kraft zu Jarstein sollte Hertha nicht nachhaltig schwächen. Vor allem weil der Klub das Spiel mutig von hinten aufbauen und mehr Ballbesitz erzielen will. Thomas Kraft im Tor engt die Spielmöglichkeiten ein, da Rückpässe ihn gelegentlich ins Schleudern bringen. Kraft ist nicht so sehr ein mitspielender Torwart, was ein gewisses Handicap darstellen kann. Auch in Sachen Strafraumbeherrschung offenbart der 27-Jährige Defizite. Kraft fällt es mitunter schwer, hohe Flanken oder Hereingaben richtig einzuschätzen. Hier hat Jarstein nicht nur Größenvorteile, sondern nutzt auch sein fußballerisches Vermögen. „Jetzt bekommt er die Chance, sich zu zeigen“, sagte Preetz noch. Eine Becker-Faust vollführte Herthas Manager dabei zwar nicht, aber in seiner Stimme klang alles andere als Kummer mit.

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