Sport : Hertha BSC: Best of Alves

Stefan Hermanns

Der Bart muss wieder ab. Zwei Wochen lang hatte sich Herthas Torhüter Gabor Kiraly rund um die Mundpartie nicht mehr rasiert; Fußballer tun das manchmal, weil sie nicht nur an ihre sportlichen Fähigkeiten glauben, sondern auch an übersinnlichen Hokuspokus. Keine Rasur, keine Gegentore - so war es bei Kiraly gewesen, seitdem er wieder Stammtorhüter ist. Und so hätte es natürlich noch lange bleiben können, "es sei denn, wir gewinnen im nächsten Spiel 4:1, und der einzige Lauterer Treffer fällt in der 90. Minute unhaltbar aus fünf Metern", hatte Kiraly vor der Begegnung gegen den 1. FC Kaiserslautern gesagt. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Gestern Nachmittag wurde Kiralys Nullserie schon in der 45. Minute beendet, und das Spiel endete auch nicht 4:1 für Hertha. Sondern 5:1.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Es kann nicht schaden, die Fans des Berliner Bundesligisten daran zu erinnern, dass jetzt nicht immer alle Wünsche in Erfüllung gehen können. Im Moment hat es ja ein bisschen den Anschein, als wäre es so. Dieter Hoeneß wurde gefragt, was denn passiere, wenn Hertha alle noch ausstehenden zehn Spiele dieser Saison gewinne. "Dann werden wir Deutscher Meister", antwortete Herthas Manager, und als niemand lachte, fügte er vorsichtshalber hinzu: "Das war ironisch."

Auch dieser Hinweis kann nicht schaden in einer Phase, in der bei Hertha wieder alles möglich scheint. Seitdem Falko Götz die Verantwortung für Hertha Profis trägt, hat die Mannschaft von drei Spielen drei gewonnen und dabei 10:1 Tore geschossen. "Er macht einfach einen guten Job", sagte Hoeneß über den neuen Trainer, der aus der eigenen Amateur- und Jugendabteilung kommt. Götz hat die schweren Zweifel vertrieben, die Versagensängste verscheucht, "es ist ein bisschen Befreiung da", hat Hoeneß festgestellt.

Bei keinem Spieler ist das deutlicher zu sehen als bei Alex Alves, der bis vor zwei Wochen noch als nicht-resozialisierbares Problemkind galt. Gegen Kaiserslautern zeigte der Brasilianer sein vermutlich bestes Spiel für Hertha: Vier Tore bereitete er vor, seinen Gegenspieler Taribo West dribbelte er in ein Schleudertrauma - nur mit einem eigenen Treffer klappte es nicht. "Jeder im Stadion hätte ihm das gegönnt", sagte Hoeneß. Stattdessen trafen je zweimal Marcelinho und Michael Preetz sowie der Belgier Bart Goor. "Ich danke Gott", sagte Alves. Er habe schwierige Zeiten hinter sich, "ich habe sogar daran gedacht, ganz mit dem Fußball aufzuhören". Danach brach Alves in Tränen aus.

Im Nachhinein ist es erstaunlich, welch unspektakuläre Maßnahme den Leistungsschub des Brasilianers ausgelöst hatte. Falko Götz sagte, er habe "in die Psychokiste gegriffen". Am Mittag bat er Alves zu sich und zeigte ihm ein "Best of Alves"-Video, einen Zusammenschnitt seiner schönsten Tore, der tollsten Dribblings und präzisesten Schüsse. In den meisten Szenen trug Alves noch das Trikot von Cruzeiro Belo Horizonte, doch für eine etwaige Aktualisierung des Videobandes ließe sich auch das Fernsehmaterial vom Kaiserslautern-Spiel ergiebig ausschlachten. Götz sagte, er habe sich sehr viel Zeit gelassen, um mit Alves zu reden: "Es ist ein bisschen Lachen in sein Herz gekommen, und er hat dann mit Spaß Fußball gespielt."

In der Vergangenheit war es jedoch häufig so, dass Alves nur zum eigenen Vergnügen spielte, während die Mannschaft an seinem Auftreten wenig Freude empfand. Gegen Kaiserslautern hatten alle ihren Spaß. "Das war Fußball", sagte Manager Hoeneß. Ein intensiveres Lob gibt es kaum. Vor allem nach der Pause zeigte Hertha die beste Leistung dieser Saison. Götz erlebte eine Mannschaft, die sich "irgendwo in einen Rausch gespielt hat", und Hoeneß sah einen Trend bestätigt, den er schon vor einer Woche erkannt hatte: "Wir haben plötzlich Torchancen. Heute hätten wir zehn Tore schießen können."

Vielleicht wäre dann auch eins für Alex Alves dabei gewesen.

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