Sport : Hertha BSC: Bolzen, bis die Kulissen fallen

Michael Rosentritt

Matthias Huber kam einfach nicht zur Ruhe. Auf dem Rasen des Olympiastadions war gerade das 50. Uefa-Cup-Spiel von Hertha BSC (2:0 gegen Zimbru Chisinau) abgepfiffen worden, da trieb ihn immer noch die eine Frage um. Wo sind bloß die Fans von Zimbru? Huber leitet Herthas Geschäfststelle. Seine Funktion bringt es mit sich, dass er sich um das Gelingen einer solchen Veranstaltung zu kümmern hat. Wo also waren sie, diese Moldawier?

Dort, wo sie eigentlich sitzen sollten, saßen sie nicht. Huber hatte wirklich genau hingesehen. Kein Moldawier da. Sitzen sollte die Abordnung aus Südosteuropa im Oberring der Gegentribüne. Aber dort, oberhalb des abgerissenen Unterrangs, also da, wo kein Stein mehr auf dem anderen steht, hatte sich stattdessen der Hertha-Fanclub "Platte" eingenistet. Ein Häuflein von vier, fünf Sportsfreunden. Es muss sich um wahre Genießer gehandelt haben. Denn nur wer da sitzt, sieht das frische Elend nicht.

Das Olympiastadion wird saniert. Segment für Segment wird im Uhrzeigersinn abgerissen, bei laufendem Spielbetrieb. Unvorstellbare vier Jahre lang. Huber hatte es also nur gut gemeint, er wollte den Gästen den Blick auf die Abbruchkulisse ersparen. 140 Fans aus Moldawien wollten kommen. 30 von ihnen mit dem Flugzeug, 110 in Bussen. Vielleicht waren sie lieber einkaufen gegangen in Berlin. Wer weiß.

Jedenfalls waren sie - wo auch immer - besser aufgehoben als im Stadion. Das Spiel, das gegeben wurde, war nicht annähernd so umwerfend wie das Einschlagen einer Abrissbirne. Angeblich sollen ja 23 618 Besucher im Olympiastadion gewesen sein. Dauerkartenbesitzer hatten freien Eintritt. Das sind immerhin 17 500.

Für Herthas Trainer Jürgen Röber war es "doch absehbar, dass nicht so viele kommen. Im vergangenen Jahr war Mailand hier, und Chelsea." Und jetzt dieser moldawische Niemand. Das sagte er so zwar nicht, aber alle haben sie so gedacht. Statt Champions League spielt Hertha nur noch Uefa-Cup, was einem sportlichen Abstieg gleichkommt. Vorn spielt Hertha im "Verlierer-Cup" (Franz Beckenbauer) und hinten fallen die Kulissen. Röber spricht von einer "Katastrophe", und das ist nicht einmal übertrieben. Das Bauloch stimuliert weder die Besucher noch die Spieler. Vorbei sind die Zeiten, da Hertha immitten einer atemraubenden Atmosphäre in die Zwischenrunde der Champions League stürmte. Uefa-Cup hört sich nicht nur anders an "das ist einfach eine andere Liga. Hier warten in den ersten Runden unattraktive Gegner, die zudem noch unangenehm zu spielen sind", sagt Röber. "Immer wenn ich diese Melodie höre, will ich wieder in die Champions League."

In der vergangenen Saison hatte Hertha auf der internationalen Bühne so um die 30 Millionen Mark zusammengespielt. Im Uefa-Cup wird Geld erst "ab der dritten Runde verdient", sagt Manager Dieter Hoeneß. Hoeneß war es auch, der vor Jahren schon vor einem Umbau warnte. Hoeneß hatte sich für einen Neubau stark gemacht. Ergebnislos. Wenigstens habe Hertha für die Umbauzeit eine "entsprechende Pachtvereinbarung" (Hoeneß) geschlossen. Die wirtschaftlichen Einbußen seien kalkulierbar, meint der Manager, "aber der atmosphärische Aspekt ist nicht greifbar". Seit einigen Tagen bastelt Hertha an einer "Offensive" (Hoeneß), die wieder die Zuschauer auf die Baustelle spülen soll. Hoeneß spricht von einer "Wagenburg-Mentalität", einer Art Jetzt-erst-recht-Stimmung, die Hertha entfesseln will. Demnächst soll eine riesige Plane verdecken, was nicht mehr da ist. 150 000 Mark wird das kosten, sagt Hoeneß. "Es soll eine mobile Einrichtung werden, die mit der Baustelle wandert". Ob das aber schon für Ruhe sorgt?

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