Hertha BSC : Cicero Santos - Einer für alles

Herthas neuer defensiver Mittelfeldspieler Cicero ist ein Spielertyp, wie ihn Trainer Lucien Favre liebt – er kann sogar stürmen.

Sven Goldmann

Berlin - Wie war das eigentlich bei Hertha BSC in der Zeit vor Lucien Favre? Wie hießen Fußballspieler, die verteidigen konnten und auch stürmen, köpfen und schießen, flanken und grätschen? Vielseitig vielleicht. Oder kompakt. Lucien Favre spricht gern von polyvalenten Spielern. Polyvalenz ist einer seiner Lieblingsbegriffe und unbedingte Einstellungsvoraussetzung. Weil Hertha seit dem Amtsantritt des Schweizer Trainers im vergangenen Sommer sehr viele neue Spieler verpflichtet hat, wimmelt es im Berliner Kader nur so vor Mehrwertigkeit. Seit gestern verfügt Favre sogar über einen Spieler, den er für „sehr, sehr polyvalent“ hält, man darf das wohl als Zeichen höchster Wertschätzung interpretieren.

Cicero Santos heißt das neueste Mitglied der brasilianischen Hertha-Kolonie. Cicero ist ein besonderes Kunststück gelungen, er hat Lucien Favre überrascht. Als die Berliner Delegation vor ein paar Wochen zur Inaugenscheinnahme des defensiven Mittelfeldspielers in Rio de Janeiro auf der Tribüne saß, spielte der gar nicht im Mittelfeld und erst recht nicht defensiv. Fluminense hatte Cicero als Stürmer aufgeboten. Diesen Job machte er so gut, dass der sonst so mäklige Favre sofort seine Zustimmung zum Leihgeschäft mit dem FC Fluminense gab.

Gestern trainierte Cicero zum ersten Mal mit seiner neuen Mannschaft, am Dienstag wird er im Testspiel gegen den FC Liverpool sein Debüt geben. Die Rückennummer sieben und die Position im defensiven Mittelfeld übernimmt er von seinem Landsmann Mineiro, der in Brasilien als Nationalspieler einen sehr guten Namen hat, aber eben auch schon 32 und damit neun Jahre älter ist als Cicero. Favre hielt nicht allzu viel von dem klugen, aber sehr vorsichtigen Mineiro, der im Zweifelsfall lieber den horizontalen Pass spielte und nicht den vertikalen. Auf der spielentscheidenden Position im zentralen defensiven Mittelfeld schätzt der Trainer dynamische Persönlichkeiten wie den Serben Gojko Kacar. Genau so einer soll auch Cicero sein, ein nach dem ersten Eindruck sehr selbstbewusster Bursche, dem es auch ziemlich egal ist, dass er seit Beginn des Jahres ohne Pause durchspielt. „Das ist kein Problem“, sagt Cicero und dass er sich freue auf eine neue Arbeitsphilosophie.

Das ist schön ausgedrückt und zeugt von einer bemerkenswerten Berufseinstellung, denn es ist ja gerade die deutsche Philosophie des Fußballspiels, die den künstlerisch veranlagten Brasilianern gemeinhin wenig behagt. Andre Lima, den Cicero aus Jugendtagen kennt, ist daran bei Hertha gescheitert. An dem rauen Umfeld und an dem körperbetonten Stil in der Bundesliga. Nach nicht einmal einem Jahr ist Lima zurück gegangen nach Brasilien, und er hat dort wenig schmeichelhafte Worte für Deutschland im Allgemeinen und Hertha BSC im Besonderen gefunden. So haben es die brasilianischen Zeitungen vermeldet, aber Cicero erzählt von einem netten Gespräch mit Lima, „er hat mir sehr empfohlen, nach Berlin zu gehen“. Trainer Favre huscht ein eher irritiertes Lachen über die Lippen, als Cicero diesen Satz spricht.

Am Donnerstag hat er den vorerst bis 2010 datierten Vertrag unterschrieben (Hertha besitzt eine Option für vier weitere Jahre) und am Abend seinen neuen Kollegen zugeschaut. Beim fröhlichen Scheibenschießen gegen den FC Nistru Otaci. Cicero sagt, er habe viel Spaß gehabt, denn „die Mannschaft hat auf dem Platz zu jeder Zeit den Kurs bestimmt“. Der Spaß beim Rückspiel wird ihm entgehen. Weil Hertha ihn nicht rechtzeitig gemeldet hat, darf Cicero in dieser ersten Qualifikationsrunde zum Uefa-Cup noch nicht mitspielen. Dieser Verlust dürfte angesichts des 8:1-Sieges vom Donnerstag zu verkraften sein. Die überforderten Moldawier waren bei ihrem Debüt im internationalen Fußball so etwas wie eine Antithese zur Polyvalenz. Sie konnten weder verteidigen noch stürmen.

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