Hertha BSC : Das angedeutete Spiel

Gegen Werder Bremen sind die Fortschritte bei Hertha BSC unübersehbar. Die Berliner zeigten, wie es gehen könnte - und wie es nicht gehen darf.

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Comeback in Blau-Weiß. Nach 370 Tagen Pause lief Alexander Baumjohann (rechts) wieder in einem Bundesligaheimspiel für Hertha BSC auf. Er wurde zehn Minuten vor dem Ende eingewechselt. Zuvor hatten ihn zwei Kreuzbandrisse aus der Bahn geworfen.
Comeback in Blau-Weiß. Nach 370 Tagen Pause lief Alexander Baumjohann (rechts) wieder in einem Bundesligaheimspiel für Hertha BSC...Foto: imago/Matthias Koch

Als Alexander Baumjohann im Freitagabendspiel gegen Werder Bremen für die letzten zehn Minuten aufs Feld kam, entwickelte sich eine Akustik im Olympiastadion, als hätte Hertha BSC soeben das Siegtor erzielt. Dabei war es nur ein Spielertausch. Aber eben nicht irgendeiner. Der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler hat nach zwei Kreuzbandrissen in zwei Jahren nicht mal ein Dutzend Spiele für Hertha absolviert, gilt dem Anhang des Bundesligisten aber als Verheißung auf ein Mehr als Fußballkultur. „Was wir in der letzten Saison gezeigt haben, da kann man nicht von Fußball reden“, sagte anderntags Pal Dardai. Auch deshalb hat der Trainer seiner Mannschaft in der Sommerpause einen neuen, einen offensiveren Fußballstil verschrieben. Ein Spieler wie Baumjohann wäre dafür ein passender Transporteur.

Nur das ist das Problem. Transporteure dieser Art hat Hertha nicht wirklich viele. Dardai steht vor der Aufgabe, mit einer Mannschaft mehr aufs Fußballerische zu setzen, die sich noch vor ein paar Monaten darauf verlegt hatte, das Fußballspiel des Gegners zu zerstören. „Das war grausam“, sagte Dardai, aber anders hätte man die Klasse nicht halten können. Was stimmen mag, nur wie viel vom gewünschten Stil kann die alte Mannschaft, die bisher kaum an Qualität von außen gewonnen hat, umsetzen? Und wie viel vom neuen Stil verträgt diese Mannschaft?

Nach gerade mal zwei Punktspielen gegen Augsburg (1:0, Spielbericht) und Bremen (1:1, Spielbericht) kann kein Urteil gefällt werden. Wie im Fall Baumjohann, der seine Klasse im Hertha-Trikot bisher nur andeuten konnte. Nach seinen schweren Verletzungen bleibt offen, wann und ob er jemals zu seinem Vermögen zurückfindet. Gleiches gilt auch für Hertha. Vieles von dem, was die Mannschaft künftig vorhat, bleibt in Andeutungen stecken. Die ersten 20 Minuten gegen Bremen gehören zu den besten, die die Mannschaft unter Dardai je auf den Platz bekommen hat. Beweglich und variabel im Umkehrspiel, stabil und kontrolliert in der Spielanlage. Als dann den Bremern aus dem Nichts der Ausgleich gelang, fiel die Mannschaft in alte Muster zurück. Das Gegentor habe ein bisschen wie „ein Schock“ gewirkt, sagte Dardai. Das Spiel seiner Elf war danach „unkontrolliert“. Bis zur Pause, bis der Trainer wieder nachjustieren konnte. Und wieder gelang Hertha ein guter Start in den zweiten Abschnitt mit guten Torchancen, die aber vergeben wurden.

Unübersehbar sind die Fortschritte als Team. Die Spieler sind sehr fleißig und laufbereit, sie funktionieren im Verbund offensiv wie defensiv recht gut, doch eben nur phasenweise. Als gegen Bremen jeweils zur Mitte der beiden Halbzeiten Wiederstände auftraten, entglitt der Mannschaft jeweils die Kontrolle über das Spiel. „Ja leider“, sagt Torwart Thomas Kraft, „in diesen Phasen waren wir nicht bissig und nicht präsent genug.“ Das kann anders auch gar nicht sein, bei dem was die Mannschaft in der Vorsaison erlebt hat und was an fußballerischem Potenzial in ihr steckt. Auch deshalb wird Hertha personell noch nachrüsten, oder wie es Dardai ausdrückte: „Das kann nicht schaden.“

Den neuen Spielstil, der auf mehr Ballbesitz, auf höheres Verteidigen und mehr Tempo ausgerichtet ist, hat die Mannschaft noch nicht vollends verinnerlicht. Sie mag an die Richtigkeit dieser Ausrichtung glauben und auf sie setzen, aber erst eine Reihe von Spielen mit entsprechenden Erlebnissen und Ergebnissen schafft Selbstvertrauen und lässt aus Glauben vielleicht mal Gewissheit entstehen. „Man sieht, dass wir ein bisschen Selbstvertrauen haben“, sagte Jens Hegeler nach dem Bremenspiel: „Wir müssen sehen, dass es uns erhalten bleibt. Jedes Erfolgserlebnis hilft dabei.“

Das Unentschieden gegen Bremen muss als solches herhalten. Wäre den Berlinern ein 2:0 gelungen, „kommen wir hier nicht mehr zurück“, hatte Werders Trainer Viktor Skripnik gesagt. Aber auch, dass Hertha das Spiel am Ende auch hätte verlieren können, was auch Dardai so sah. „Es waren genügend Torchancen da. Der letzte präzise Pass hat gefehlt, da müssen wir von der Mentalität her noch gieriger sein“, sagte der Ungar. Für Valentin Stocker, der das Tor der Berliner erzielte und zwei weitere Chancen besaß, müsse die Mannschaft rasch dahin kommen, „solche Spiele zu gewinnen“. Vier Punkte aus zwei Spielen sind gut, doch bei allen guten Ansätzen und Fortschritten darf nicht übersehen werden, dass Hertha in zwei Spielen schon fünf Aluminiumtreffer gegen sich glücklich überstand. Auch Alexander Baumjohann hätte lieber einen Sieg mitgenommen, wie er sagte. Aber immerhin gibt es einen kleinen Ausblick.

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