Sport : Hertha BSC: Das Deisler-Dogma

Michael Rosentritt

Vor zwei Jahren hatte Ottmar Hitzfeld schon das Ja-Wort von Kilian Deisler für dessen Sohn Sebastian. Der Trainer des FC Bayern fand sich immer mal wieder ein auf der Sitzgruppe im Lörracher Wohnzimmer der Deislers. Hitzfeld stammt wie sie aus dem Örtchen im Badischen. Bekanntlich nutzte das erst einmal nichts. Deisler hatte sich mit seinem damaligen Berater Norbert Pflippen anders entschieden. Deisler wechselte 1999 für eine Ablöse von 4,5 Millionen Mark von Borussia Mönchengladbach zu Hertha BSC. Ein Angebot der Bayern schlug er aus, weil er in Berlin bessere Entfaltungsmöglichkeiten sah.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Doch die Bayern bleiben dran. Nicht nur weil sie einen Nachfolger für Stefan Effenberg brauchen, dessen Vertrag im kommenden Jahr ausläuft. Und auch der 30-jährige Mehmet Scholl wird nicht ewig für Bayern auflaufen. Deisler ist 21 Jahre alt. Immer wieder haben die Münchner auch nach Deislers Wechsel nach Berlin ihr Interesse an dem Jungstar bekundet, dies aber mit Hinweis auf den bestehenden Vertrag bis 2002 immer sofort relativiert. Nun soll der Rekordmeister den Berlinern laut "Bild"-Zeitung 40 Millionen Mark dafür geboten haben, dass die neue zentrale Figur in Berlin und der Nationalmannschaft schon nach Ablauf dieser Saison wechselt. Das konkrete Angebot dementieren die Bayern, aber nicht ihr Interesse. Jörg Neubauer, Deislers jetziger Berater, sagt, dass es in dieser Woche keine Gespräche mit den Bayern gegeben habe. Deislers Vertrag bei Hertha würde sich verlängern, wenn der Verein am Ende dieser oder der nächsten Saison den Uefa-Cup erreicht. Für diesen Fall ist ein Ausstieg geregelt worden. Für 18 Millionen Mark könnte Deisler den Verein verlassen.

Herthas Trainer Jürgen Röber lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Wichtig ist, dass wir im Gespräch mit ihm sind", sagte er gestern. "Ich bin überzeugt, dass Sebazstian bei uns bleibt. Hier hat er sich hervorragend entwickelt, wurde Nationalspieler und spielt jetzt auf seiner Lieblingsposition in der Zentrale", sagte Röber weiter. "Unseren Standpunkt kennt er: Wir wollen um ihn herum eine Mannschaft bauen." Außerdem: "Der Sebastian kennt doch seinen Vertrag. Das sind Fakten. Darüber hinaus werden wir alles versuchen, ihn mittelfristig an uns zu binden. Er ist schließlich das Beste, was wir in Deutschland haben."

Deisler soll der Kopf einer neuen Hertha-Mannschaft sein. Präsident Bernd Schiphorst sagte gestern: "Er ist ein zentrales Element unserer Zukunftsplanung." Deislers Berater Neubauer: "Das haben wir auch so verstanden." Schiphorst sagte aber auch, dass für Neuverpflichtungen 20 Millionen Mark bereitstünden. Das ist - für Ansprüche, wie sie Hertha hegt, - nicht üppig. Manager Dieter Hoeneß und Röber wollen das Team weiterentwickeln durch gezielte Verstärkungen und gleichzeitige Verjüngung des Personals. Angesichts der zur Verfügung stehenden Mittel und des momentanen Entwicklungstandes eine verwegene Vorstellung. Bisher stehen als Zugänge Denis Lapaczinski und Andreas Neuendorf fest. Lapaczinski kommt für 4,5 Millionen Mark vom Zweitligisten Reutlingen. Der 19-Jährige gilt als talentierter Abwehrspieler. Mittelfeldspieler Neuendorf kehrt aus Leverkusen zurück. Immer noch nicht entschieden ist, ob Roberto Pinto vom VfB Stuttgart nach Berlin kommen wird. Wenn, dann ablösefrei. Hertha verlassen werden Kai Michalke und Anthony Sanneh in Richtung Nürnberg. Kurz vor dem Vertragsabschluss steht Hertha mit dem Belgier Bart Goor. Zudem halten sich Gerüchte, wonach die Berliner an einer Verpflichtung eines zweiten Belgiers, Gert Verheyen, interessiert sind. Verheyen könnte die Position Deislers auf der rechten Seite übernehmen, da Deisler in die Mitte rückt. Hierfür käme auch Pinto infrage. Allerdings ist Verheyen schon 30 und als Kapitän des FC Brügge nicht billig.

Besonders in der Offensive gibt es Handlungsbedarf. Kapitän Michael Preetz spielt nur noch eine Saison. Der torgefährliche Mittelfeldspieler Marcelinho Paraiba allein kann das Problem nicht lösen. Mit dem Brasilianer wird derzeit verhandelt. Überraschend war, dass Hertha die Bemühungen im Fall des Rostocker Stürmers Victor Agali einstellte. Die Berliner hatten 7,5 Millionen Mark für den erst 22-Jährigen geboten. Schließlich machte Schalke 04 das Rennen um den nigerianischen Nationalspieler. Der Bundesliga-Tabellenführer hatte Herthas Angebot um schätzungsweise 500 000 Mark übertroffen. Ali Daei, der 7,5 Millionen Mark gekostet hat, bleibt Ergänzungsspieler. Er liebäugelt seit Monaten mit einem Vereinswechsel. Augenblicklich wird der Iraner mit Besiktas Istanbul in Verbindung gebracht. Und dann wäre da noch Alex Alves. Doch der Brasilianer, den Hertha vor eineinhalb Jahren aus dem Hinterland der Copacabana für 15 Millionen Mark verpflichtet hatte, erwies sich nicht als Treffer. Für viel Geld gibt es eben keine Treffergarantie. Auch nicht für 40 Millionen.

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