Sport : Hertha BSC: Das lange Warten auf die Narbe

Klaus Rocca

Temperaturen um den Gefrierpunkt ist er aus seiner Heimat nicht gewohnt. Alex Alves strahlte in den letzten Tagen dennoch. Seine Lebensgefährtin Nadia und Tochter Alessandra sind wieder bei ihm, vor allem: Die Fußballwelt war nach Wochen der Tristesse endlich in Ordnung. Für einen, der meint, er sei "auf die Welt gekommen, um Fußballer zu werden", Grund genug, Zufriedenheit auszustrahlen. Bis zum Sonnabend um 16.05 Uhr. Da riss, beim Sprint mit einem Gegenspieler und einem Schlag auf den linken Oberschenkel, ein Muskel.

Gestern, als seine Mannschaftskameraden beim Auslaufen ihre Muskeln lockerten, befand sich Alves in ärztlicher Behandlung. Ultraschall, Elektrotherapie, Eiskompressen, eben all das, was sich in solch einer Situation anbietet. Bis der Faserriss vernarbt ist. Das kann lange dauern. Drei Wochen Pause hat ihm Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher ("Der Muskelfaserriss ist so stark, dass er noch in der Kabine zu ertasten war") prophezeit. Harte Tage für einen, für den Fußball das Leben ist.

Harte Tage auch für seinen Arbeitgeber Hertha BSC. "Alex war gerade so gut drauf. Sein Ausfall trifft uns hart", stöhnte Jürgen Röber, sein Trainer. Und Michael Preetz, sein Sturm-Nachbar, hatte kürzlich noch erklärt, Alves sei nun endlich so weit, dass er den hohen Erwartungen an einen 15-Millionen-Mark-Einkauf gerecht werden könne. So ganz nebenbei erwähnte der Mannschaftskapitän auch, dass er selbst von den immer präziseren Vorlagen des Brasilianers profitiere.

Und natürlich auch von dessen Toren. So wie von jenem 52-Meter-Traumtor gegen den 1. FC Köln, mit dem Alves das fast schon verlorene Spiel gegen den 1. FC Köln noch herumgerissen hatte. So von jenem Treffer gegen Werder Bremen, nach dem Alves den Capoeira tanzte. Wie hatte er doch gerade in diesem Spiel brilliert, mit seinem Tor, seinen Vorlagen, seinem unberechenbaren Antritt. Doch gerade als Sprintertyp mit ausgeprägter Muskulatur ist er eben anfälliger als andere. Schleicher: "Da kann es schon mal schnell zu einem Muskelfaserriss kommen." Besonders bei den derzeitigen Temperaturen.

Spätestens nach dem Spiel gegen Werder war all das in den Hintergrund gedrängt worden, was Skeptiker und Zweifler zuvor gegen Alves vorgebracht hatten. Seine Disziplinlosigkeit, seine Unbeherrschtheit, seine meist erfolglosen, fast hiflos wirkenden Sturmläufe, bei denen er keinen Mitspieler sah und oft in die Horizontale geriet. Alves wurde vom Außenseiter, hinter vorgehaltener Hand krisitiert, mitleidig belächelt. Es brauchte erwartungsgemäß seine Zeit, ehe er sich akklimatisiert und assimiliert hatte. In dieser Saison wurde er bei seinen acht Bundesligaspielen zwar immer noch sechsmal ausgewechselt, doch das lag wohl mehr an konditionellen Defiziten. Alex Alves ("Gott wollte, dass ich hier bin") ist längst wert, was er kostete.

Allerdings noch nicht so viel wert, dass sein Fußballertraum in Erfüllung gehen würde: einmal für sein Land das Trikot überziehen. Bis Brasilien hat sich seine stark angestiegene Formkurve offenbar noch nicht rumgesprochen. Der jetzige Rückschlag bringt ihn nicht weiter.

Jetzt, da Alex Alves wochenlang ausfällt, stellt sich die bange Frage, wie es in dieser Zeit bei Hertha mit dem Sturm weitergehen soll. Auch wenn der von den 28 Toren der Saison nur zwölf erzielt hat. Und in den letzten beiden Bundesligaspielen, in Dortmund und gegen Schalke, sogar ganz leer ausging. Den einen Treffer der letzten drei Partien, den in Wronki, schoss mit Sixten Veit ein Mittelfeldspieler. Also seit drei Spielen kein Hertha-Stürmertor. Kein Wunder, dass Röber zustimmte, als ein Journalist nach dem Spiel gegen Schalke meinte, die Mannschaft müsse verstärkt werden.

Als Ali Daei am Sonnabend für Alves kam, wurden wieder einmal die balltechnischen Mängel des langen Iraners, von dem Spötter meinen, er brauche nur den Kopf, keinen Fuß, deutlich. Zu seiner Ehrenrettung: In jener Phase gegen einen so dominierenden Gegner wie den FC Schalke ins Spiel zu kommen, ist höchst undankbar.

Doch nannte man Ali Daei nicht "Herthas Mr. Europacup"? Im letzten Jahr, als die Berliner in der Bundesliga ein sehr bescheidenes Torkonto hatten, war Daei in der Champions League ungewöhnlich erfolgreich, traf zweimal gegen Chelsea. Und im September erzielte er in Mailand beim 1:1 ein sehenswertes Tor. Gegen den AC Milan. Dessen Lokalrivale Inter kommt morgen (18 Uhr) zum Uefa-Cup-Spiel ins Olympiastadion. Daei wird wohl dabei sein. Das Pech des Alex Alves ist das Glück des Ali Daei. Er muss es nur nutzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar