Sport : Hertha BSC: Das Trauerspiel

Stefan Hermanns

Tom Riedel, der Zeugwart von Hertha BSC, wird den Profis heute in der Kabine im Olympiastadion nicht nur wie sonst Trikots, Stutzen, Hosen und Fußballschuhe auf ihre Plätze legen, sondern auch schwarze Armbinden. Alle Bundesligaspieler sind an diesem Wochenende mit Trauerflor aufgelaufen, und so wird es auch heute (17.30 Uhr) sein, wenn Hertha auf 1860 München trifft. Schon vor einem Jahr hat Riedel die schwarzen Binden bei einer Zubehörfirma für Fußballartikel bestellt. Herthas Profis haben sie bereits mehrmals am Arm getragen, zum Beispiel zum Gedenken an Carsten Grab, den verstorbenen Fanbeauftragten des Vereins. Sie werden sie auch heute tragen. Es ist ein kleines Zeichen.

Zu einem großen Zeichen, nämlich den kompletten Spieltag abzusagen, hat sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL) nicht durchringen können. Die offizielle Begründung lautet, es wäre eine Kapitulation vor dem Terror gewesen. Die Gegner der Entscheidung aber sagen, es geht ums Geld und um die Vermeidung von Terminproblemen. "Es gibt einiges, was für eine Absage gesprochen hätte", sagt Herthas Fanbeauftragter Donato Melillo, "und einiges dagegen." Manager Hoeneß sagt: "Wir stehen zu der Entscheidung der DFL."

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Natürlich wird es auch im Olympiastadion kein normales Spiel werden. Viele Menschen haben Probleme, in der jetzigen Situation über Tore ihres Klubs zu jubeln oder auf den Schiedsrichter zu schimpfen. Zwei Tage vor der Begegnung waren erst 20 500 Karten für das Spiel gegen 1860 München verkauft. In normalen Zeiten würde eine solche Zahl als Ausdruck einer ernsten Hertha-Baisse in der Stadt gewertet, jetzt aber sagt Manager Hoeneß, dass "ich dieser Zahl nicht allzu viel Bedeutung beimessen möchte".

Vielleicht gibt das nur sparsam gefüllte Olympiastadion sogar den passenden Rahmen für dieses Trauerspiel ab. Die DFL hat in einem Schreiben an alle Vereine ihre Verhaltensmaßregeln für das Wochenende kundgetan. Vor dem Anpfiff gibt es eine Schweigeminute, außerdem wird eine Erklärung der DFL verlesen, deren Wortlaut im Olympiastadion auch auf der Anzeigetafel erscheint. Für Udo Knierim wird es heute "eine sehr suspekte Situation" sein. Er ist einer von zwei Stadionsprechern bei Hertha. Normalerweise soll er die Leute mit seinem Kollegen Fabian von Wachsmann in Stimmung bringen, diesmal sind beide eher neutrale Chronisten des Geschehens.

"Das ganze Rahmenprogramm fällt eigentlich aus", sagt Knierim, die Mannschaftsaufstellungen werden sachlich verlesen, nur eher andächtige Hintergrundmusik wird vor der Begegnung und in der Pause aus den Lautsprechern kommen. Die Verbreitung von Werbebotschaften ist den Vereinen von der DFL untersagt worden. Hertha hatte sich bereits vor Erhalt dieser offiziellen Richtlinie zu diesem Schritt entschlossen. Auch die üblichen Gewinnspiele, Halbzeitbelustigungen und Verlosungen fallen aus. "Wir haben die Sponsoren darüber informiert", sagt Pressesprecher Hans-Georg Felder. Proteste habe es nicht gegeben. "In der jetzigen Situation stellen auch die Firmen ihre Interessen hintenan", sagt Felder.

Herthas Fans haben beschlossen, heute an allen Eingängen Spenden für die Opfer der Terroranschläge zu sammeln. In Block N können die Zuschauer Blumen niederlegen. Dort soll auch ein 20 Meter langes Transparent des Vereins aufgehängt werden. Der Text wird die besondere Verbundenheit Berlins mit den USA zum Ausdruck bringen. Größere Aktionen zu organisieren, zum Beispiel alle Zuschauer mit schwarzen Papptafeln auszustatten, "war in der Kürze der Zeit nicht möglich", sagt der Fanbeauftragte Donato Melillo.

Wie sich die Atmosphäre im Stadion während des Spiels entwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Lassen sich die Leute mitreißen, weil sie froh sind, für kurze Zeit die schrecklichen Bilder zu verdrängen? Jubeln sie ausgelassen, wenn Hertha ein Tor schießt? "Es muss möglich sein, sich über ein Tor zu freuen", sagt Manager Hoeneß. "Aber ich gehe davon aus, dass der Jubel etwas zurückhaltender ausfallen wird." Ein bestimmtes Verhalten wolle man niemandem vorschreiben. Hoeneß vertraut "auf die ganz natürlichen Empfindungen". Allein zur Schweigeminute will Hertha die Zuschauer aufrufen, "sich dem Anlass entsprechend zu verhalten", wie Pressesprecher Felder sagt. Immer wieder gibt es in solchen Situationen Einzelne, die die totale Stille mit dämlichen Rufen stören, weil sie meinen, sie könnten sich auf diese Weise profilieren. Hans-Georg Felder sagt: "Da hoffen wir, dass unsere Fans nicht negativ auffallen."

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