Hertha BSC : Der lange Anlauf des Längsten

Rob Friend kommt bei Hertha langsam in Fahrt. Gegen Pfullendorf füllte er seine Rolle als Anspielstation, Ballverteiler und Brecher in einer Person nahezu perfekt aus.

von und Martin Einsiedler[Pfullendorf]
Rob Friend Foto: dpa
Rob FriendFoto: dpa

Das Leben ist manchmal ganz schön ungerecht, das muss jetzt einfach mal gesagt werden. „Wir sind alle klein und dick“, schimpft ein kleiner Dicker, der mit seinen Kumpels am Spielfeldrand steht. „Und bei den anderen sind zwei dabei, die schon Oberliga gespielt haben.“ Eine Sauerei sei das. Aber so kann es gehen, wenn die Fanklubs von Hertha BSC ihren Meister ausspielen. „Hertha-Cup“ heißt die Veranstaltung auf dem Olympiagelände, bei der einige Spieler ein Gefühl dafür bekommen, wie sich der Regionalligist SC Pfullendorf tags zuvor beim Pokalspiel gegen den Berliner Fußball-Zweitligisten gefühlt haben muss: die kleinen Dicken gegen die Riesen aus Berlin. Zwei Standards in der zweiten Halbzeit, zwei Kopfballtore durch Adrian Ramos und Rob Friend – das reichte den Berlinern zu einem 2:0-Erfolg. „Wir haben große Spieler, die torgefährlich sind“, sagte Trainer Markus Babbel zur Entstehung der beiden Tore. „Das muss man auch nutzen.“

Vor dem ersten Spiel einer Saison kann ein Trainer immer schöne Pläne erstellen; doch ob die dann auch in der Praxis funktionieren, ist eine andere Sache. Das Pokalspiel in Pfullendorf aber hat zumindest einen Hinweis darauf geliefert, dass Herthas Trainer mit seiner Analyse des Ist-Zustands und den daraus folgenden Schlüssen nicht völlig falsch gelegen hat. Babbel hat das Spiel seiner Mannschaft in extremem Maße auf Rob Friend zugeschnitten: In Herthas 4-2-3-1-System ist der Kanadier mit seinen 1,95 Meter Körperlänge der Fixpunkt im Sturm: Er ist Anspielstation, Ballverteiler und Brecher in einer Person. Gegen Pfullendorf füllte Friend seine Rolle nahezu perfekt aus. Er spielte mit hohem Körpereinsatz, zerrte, riss und zog an seinem Gegenspieler und redete fast ununterbrochen auf ihn ein.

„Das System passt“, sagt Friend. Obwohl es den Zahlen nach neu für ihn ist, hat er die Rolle de facto schon im 4-4-2 bei Borussia Mönchengladbach eingenommen: als Stoßstürmer, der sich dank seiner Größe bei langen, hohen Anspielen zu behaupten weiß. Andererseits verleitet das die Mitspieler auch dazu, diese spielerisch am wenigsten komplizierte Variante einzusetzen. Gegen Pfullendorf versuchte es Hertha in der ersten Hälfte immer wieder mit hohen Bällen auf den Kanadier. „Das ist auch eine Möglichkeit, das Mittelfeld zu überbrücken“, sagte Babbel. Aber es reicht nicht, dass Friend die Bälle behauptet, seine Mitspieler müssen auch nachrücken und sich anbieten. Daran haperte es noch.

Das alles soll sich in den nächsten Wochen einspielen, wie sich so vieles schon eingespielt hat, seitdem Friend das Training aufgenommen hat. Sein Einstieg verlief nicht ohne Anpassungsprobleme. Nachdem er in den ersten drei Testspielen gegen unterklassige Gegner ohne Tor geblieben war, wurde der Kanadier vom Boulevard bereits als „Torlos-Friend“ verspottet. „Ein bisschen lächerlich“ hat Babbel das gefunden. Friend selbst schien sich von solchen Diskussionen nicht irritieren zu lassen. „Wenn es darauf ankommt, werde ich treffen“, sagte er. Hört sich wie eine Floskel an, ist aber keine: Gegen Pfullendorf kam es darauf an. Und gegen Pfullendorf traf er. „Bei mir dauert es immer etwas länger in der Vorbereitung.“ Auch Markus Babbel will in keinem Moment an Friend gezweifelt haben. „Mach dich nicht verrückt“, sagte er zu seinem wichtigsten Neuzugang. „Du bist völlig im Plan.“

Der Plan ist, dass Friend weiter an Wert für die Mannschaft gewinnt. „Wenn er die Power hat, wird er noch besser werden“, sagt Babbel. Die Erfahrung lehrt, dass solche Erwartungen nicht vermessen sind. Auch in Gladbach tat sich Friend anfangs schwer. Nachdem er in den ersten vier Saisonspielen ohne Tor geblieben war, wurde er in Anlehnung an seinen recht erfolglosen Vorgänger im Sturm bereits als „der weiße Kahe“ verspottet. Am Ende seiner ersten Saison hatte Friend dann mit 18 Toren erheblich dazu beigetragen, dass die Borussen nach nur einem Jahr in der Zweiten Liga den Wiederaufstieg schafften. Parallelen sind in Berlin durchaus gewollt.

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