Sport : Hertha BSC: Der Therapeut im Trainer

Michael Rosentritt

Für zwei, drei Minuten wussten sie nicht, was sie tun sollten. Die Fußballspieler von Hertha BSC standen samt ihrem Trainer im Mittelkreis des Olympiastadions und wirkten so hilflos wie gut eineinhalb Stunden lang zuvor. Das letzte Spiel des Jahres gegen den FC Bayern München war soeben mit 1:3 verloren gegangen. Sehr viele der 57 000 Zuschauer hatten sich zu diesem Zeitpunkt auf den Heimweg gemacht. Die Alternative wäre gewesen, die müden Profis von Hertha in die Feiertage zu winken. Der Bedarf hielt sich in Grenzen.

Für den Berliner Bundesligisten endete Sonntagabend nach 18 Bundesligaspielen ein bisschen mehr als eine halbe Saison, die vor allem nach den jüngsten Eindrücken nicht zu den prächtigsten gehören dürfte. In den letzten zehn Pflichtspielen gelang Hertha BSC gerade mal ein Sieg. Das Team von Trainer Jürgen Röber holte aus den zurückliegenden sieben Bundesligaspielen nur vier Punkte. 21 wären möglich gewesen. Hertha BSC überwintert als Tabellensechster, und das vor allem deswegen, weil es der Mannschaft nicht gelungen ist, gegen Vereine aus den gehobenen Tabellenregionen zu gewinnen. Gegen die ersten fünf der Liga konnte Hertha BSC nicht einen einzigen Punkt verbuchen. Rechnet man das jüngste 1:3 gegen die Bayern - es war bereits das erste Spiel der Rückrunde - hinzu, so lautet die Bilanz: sechs Spiele, sechs Niederlagen, vier Tore geschossen, 21 bekommen. Für eine Mannschaft, die das Ziel Platz drei oder vier hat, eindeutig zu wenig.

Was bleibt? Hertha BSC stand vier Spieltage lang am obersten Ende der Tabelle und hat zwischendurch im Uefa-Cup schmucklose Siege über Mannschaften wie Zimbru Chisinau und Amica Wronki eingefahren, also Mannschaften, deren Vorhandensein nicht unbedingt zum Basiswissen über europäischen Fußball gehört. An Inter Mailand sind die Berliner gescheitert, und genau dieser Umstand wird immer wieder gern herangezogen, um den rapiden eigenen Leistungsverfall zu erklären. "Auch wenn es sich billig anhört", sagt Röber zum x-ten Male, "aber das Ausscheiden in Mailand hat die Mannschaft nicht weggesteckt." Bis dahin nämlich habe die Mannschaft seiner Meinung nach eine sehr gute Serie gespielt. Aber "nach dem Aus von Mailand haben wir fast alles verspielt". Jeder Rückstand, den seine Mannschaft in der Folgezeit hinnehmen musste, "war katastrophal für uns. Jedes Tor war wie ein Nackenschlag, einen, den wir nicht wegstecken konnten. Wir müssen froh sein, dass jetzt Pause ist."

So rechte Erleichterung mochte sich jedenfalls nicht breit machen bei Röber. "Wir gewinnen alle - und wir verlieren alle", sagte der Trainer, der nach der Quote von 34 Gegentreffern davon ausgeht, "sehr wahrscheinlich" die meiste Kritik abzubekommen. "Aber was soll ich machen", fragte er in die Runde, "soll ich mich jetzt etwa einschließen?" Und dann war da noch der Satz von Dieter Hoeneß: "Wir haben jetzt sechs Wochen Zeit. Das werden schmerzhafte Wochen." Hoeneß kündigte eine analytische Aufarbeitung des Absturzes an. Vertiefen mochte er den Sachverhalt nicht. Nur so viel: "Analyse heißt nachdenken und nicht populistische Sprüche produzieren", sagte Hoeneß und machte sich auf zur mannschaftsinternen Weihnachtsfeier.

Der Manager wird Röber ein paar Tage Ruhe gönnen und anschließend unangenehme Fragen stellen müssen. Die Führungskräfte des Vereins werden genauestens zu beobachten haben, ob und wie sich die Mannschaft unter der Leitung ihres Trainer weiterentwickeln kann. Allein aus diesem Grund schon will Röber ("Ich bin eine Kämpfernatur") für sein spielendes Personal den einen oder anderen unangenehmen Programmpunkt für die Zeit des Trainingslagers im Januar im lau-warmen Südspanien bereitstellen. "Wir werden uns jedes einzelne Gegentor ansehen", sagt Röber. Er betont dabei das eine Wort besonders, ansehen! "Du kannst ja reden, wie du willst, du musst den Spielern ihre Fehler zeigen. Sonst passiert da gar nichts." Noch ist sich der Trainer nicht sicher, ob er eine kollektive Filmvorführung bevorzugt oder auf Einzeltherapie setzt. Vielleicht doch auch gleich beide Formen der Heilbehandlung zusammen. "Genügend Material gibt es ja." Diese Sorge ist Röber tatsächlich los. Inhaltliche Gliederungspunkte stehen auch schon fest. Eine Kategorie etwa wird "individuelle Fehler" heißen. Zu verstehen haben wir darunter "technische Unzulänglichkeiten" wie zum Beispiel "Das-über-den-Ball-Hauen" (Röber). Eine andere Gattung wird sich der Thematik "taktische Stellungsfehler" widmen. Irgendwann soll die Hilflosigkeit wieder ein Ende haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar