Sport : Hertha BSC: Der Verwandlungskünstler

Michael Rosentritt

Anfang Januar war Alex Alves am Ende. Zum Neujahrsempfang seines Arbeitgebers erschien der 27-Jährige in einem weißen Pelzmantel. Mit seinem blondgefärbten Haupthaar sah der Brasilianer aus wie ein Darsteller der Transvestitenkomödie "Ein Käfig voller Narren" und nicht wie der teuerste Fußballspieler von Hertha BSC. Während Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff, der vor eineinhalb Jahren Material für einen Dokumentarfilm über Hertha BSC zusammenstellte, Alex Alves noch als einen "sehr interessanten Mann" bezeichnete, fielen Manager Dieter Hoeneß beim jüngsten Neujahrsempfang die Augenlider runter. Bitte nicht, nicht schon wieder Alex, wird sich Hoeneß gedacht haben, der ihn um den Jahreswechsel vor zwei Jahren für mehr als 15 Millionen Mark eingekauft hatte. Dabei war Hoeneß auf einiges gefasst. Und erst die Mannschaft. Ein Jahr zuvor war der pummelige Stürmer zur Weihnachtsfeier des Vereins mit einem roten Kopftuch erschienen. Das sah vielleicht lustig aus.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Anfang dieses Jahres war schließlich auch Dieter Hoeneß mit seiner Geduld am Ende. "Wenn wir bei Alex Alves bis zum Sommer nicht eine Veränderung zum Positiven sehen, werden wir ihn abgeben - ausleihen oder verkaufen. Wir wollen ihm noch einmal die Gelegenheit geben. Aber von ihm müssen jetzt Signale kommen. Die ersten in diesem Jahr waren falsch." So viel zu den Verkleidungskünsten des Alex Alves.

Dass er aber auch die Kunst des Verwandelns beherrscht, der Alex Alves, weiß man erst seit vergangenen Sonnabend. In seinem 52. Bundesligaspiel für Hertha BSC präsentierte sich Alex Alves von einer an ihm kaum noch für möglich gehaltenen Seite - als erstklassiger Stürmer. Gegen den 1. FC Kaiserslautern (5:1 gewannen die Berliner) absolvierte er sein bestes Spiel außerhalb Südamerikas. Zwar gelang es ihm nicht, seinem einzigen Saisontor ein zweites hinzuzufügen, doch hatte er an vier der fünf Treffer einen ernst zu nehmenden Anteil. Nach einer gespielten Stunde sangen die Fans im Olympiastadion sogar seinen Namen. Keine Frage - es war sein Spiel, es war wie eine Art Wiedergeburt. Nach dem Abpfiff stammelte Alex Alves unter Tränen in die ihm entgegengestreckten Fernsehmikrofone: "Ich danke Gott. Ich habe schwierige Zeiten hinter mir und mehrmals daran gedacht, keinen Fußball mehr zu spielen. Aber jetzt geht es weiter."

Dass es überhaupt noch einmal so weit kommen konnte, ist Herthas neuem Trainergespann, Falko Götz und Andreas Thom, zuzuschreiben. Beide hatten sich für den Problemfall etwas einfallen lassen und ihm schließlich ein Video gezeigt, mit den schönsten Szenen im Leben des Alex Alves als Fußballer. Dass dabei keine Szene aus seiner Berliner Zeit gewesen ist, sollte sich nicht negativ ausgewirkt haben. "So ist ein bisschen Lachen in sein Herz gekommen", sagte Götz während der Pressekonferenz. "Ich glaube, er wird noch viele Schlagzeilen produzieren." Götz meinte das wirklich nur gut. Doch nachdem er fünf Sekunden über das Gesagte nachgedacht hatte, fügte Götz rasch hinzu: "Äh, ich meine natürlich positive Schlagzeilen". Der Nachsatz hatte ausgelassene Heiterkeit im Auditorium hervorgerufen. Das mit den Schlagzeilen hätte man auch anders verstehen können. Nach dem, was zwei Jahre lang über ihn zu lesen, von ihm zu hören und zu sehen war.

Mit seinen Launen und seiner Laxheit hatte Alex Alves reihenweise Zeitungsspalten gefüllt. Eine eher zweifelhafte Ehre. Zweifelhaft wie die Auftritte des Mannes, der etwa 2,5 Millionen Euro pro Jahr verdient. Ein Fernsehinteriew hatte er einst abgebrochen, weil ein ihm versprochenes Schnitzelbrötchen nicht kam. Ein Zuspätkommen zum Training begründete er einmal mit den Worten: "Die Parkschranke in der Tiefgarage ging nicht hoch." Mitten in einer Kernspintomographie krabbelte er aus der Untersuchungsröhre. Alex hatte Hunger. Schließlich setzten ihn drei Rote Karten, eine merkwürdige Fußpilzerkrankung sowie eine Hodenentzündung zahlreiche Wochen außer Gefecht. Am Ende amüsierten sich seine Mitspieler nur noch: "Hey, kennst du schon den neusten Alves?"

Welcher Alex Alves ist der wahre? Der vom vergangenen Sonnabend? Gibt es vielleicht einen neuen Alves oder doch den ganz alten, den im Trikot seines brasilianischen Klubs Cruzeiro Belo Horizonte? Herthas Trainer ist sich abschließend nicht sicher. "Vielleicht ist der Knoten nun endlich auch bei ihm geplatzt", sagte Falko Götz. "Alex muss spielen, mit Spaß und Leidenschaft. Das Wichtigste war, dass er sieht, dass die Mannschaft hinter ihm steht." Alves spielte nicht eigensinnig, war nicht bockig, wenn er mal nicht angespielt wurde. Alves zeigte nicht nur Kunststückchen, sondern arbeitete Fußball mit Finesse.

Herthas Manager Dieter Hoeneß hat die jüngsten Signale von Alex Alves wohlwollend empfangen und retourniert: "Das ist der Maßstab, an dem er gemessen wird." Ganz egal, was er als nächstes ausheckt.

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