Hertha BSC : Der zweite Aufstieg

Der Umbruch bei Hertha BSC war schon lange fällig, birgt aber ein hohes Risiko. Der Trainer Favre steht nicht für sanfte Reformen, er ist ein Revolutionär.

Stefan Hermanns
Favre
Aus dem Schatten heraus. Mit Favre soll es bei Hertha aufwärts gehen. -Foto: ddp

Berlin - Für die Macht der Symbolik hatte Pal Dardai keinen Sinn. Im Sportpark in Unterhaching zu spielen, sei für ihn nichts Besonderes gewesen, sagt er. Dabei ist Dardai einer der letzten Übriggebliebenen, die mit dem Stadion noch etwas verbinden. Vor zehn Jahren war der Ungar dabei, als Hertha BSC dort den Aufstieg in die Bundesliga amtlich machte. Am vergangenen Wochenende, im Pokal, mussten die Berliner wieder im Sportpark antreten, es war das erste Pflichtspiel unter Trainer Lucien Favre, und wenn die Verbindung mit dem Schweizer in etwa planmäßig verläuft, soll in Unterhaching nichts weniger als Herthas zweiter Aufstieg seinen Anfang genommen haben. „Unser Ziel ist, eine Mannschaft aufzubauen, die einmal um den Titel spielen kann“, sagt Favre.

Im Grunde arbeiten sie daran bei Hertha schon seit zehn Jahren, doch der unaufhaltsame Aufstieg des Klubs auf höchste Höhen ist zuletzt etwas ins Stocken geraten. Hertha reiht inzwischen eine Umbruchsaison an die nächste, und dass der Verein in den vier vergangenen Spielzeiten dreimal in Abstiegsnot geriet, verweist bereits auf einen stabilen Trend. „Man hätte keinen Schweizer Trainer geholt, wenn alles rund gelaufen wäre“, hat Herthas Schweizer Trainer jetzt in einem Interview gesagt. Der Umbruch, den Favre eingeleitet hat, ist in Herthas neuerer Geschichte ohne Beispiel. Seit der Entlassung Jürgen Röbers ging es bei jedem Trainerwechsel in erster Linie darum, die Mannschaft behutsam weiterzuentwickeln. Bei Favre aber soll nichts bleiben, wie es war. Der Schweizer ist kein Reformer, er ist ein Revolutionär. „Wir wollten diesen Schnitt“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß, „wir mussten etwas verändern.“ Von der Wucht aber, mit der Favre seine Linie verfolgt, scheint selbst Hoeneß überrascht zu sein – auch wenn er wie immer glaubhaft den Eindruck vermittelt, dass alles, was Favre tut, schon immer seiner Überzeugung entsprach.

Favres Um- und Neubaumaßnahmen lösen in Berlin gemischte Gefühle aus. „Ich mache mir keine Sorgen“, sagt Mittelfeldspieler Dardai. „Der Trainer muss das durchziehen.“ Auch Herthas Fans sind von der Notwendigkeit weitgehend überzeugt. Gerade in der vergangenen Saison, in der die Mannschaft zwei Trainer entnervt und verschlissen hat, hat sich viel Unmut aufgestaut. Vor allem das Verhalten der jüngeren Spieler hat einen großen Teil des Publikums abgestoßen. Hinzu kamen Probleme, die Hertha seit Jahren mit sich schleppt. An der fehlenden Konstanz, den Disziplinlosigkeiten und Konzentrationsmängeln ist schon Jürgen Röber verzweifelt, genauso an den Schwächen bei Standardsituationen.

Andererseits besteht die berechtigte Sorge, dass die Berliner mit einer halbgaren Mannschaft in die Saison gehen. Für die Spieler, die Hertha abgegeben hat, ist längst kein gleichwertiger Ersatz beschafft worden. Favre selbst hat in dieser Woche dem Schweizer Fernsehen gesagt, „dass wir zurzeit absolut nicht bereit sind“. In der offiziellen Pressekonferenz vor seinem ersten Bundesligaspiel, heute bei Eintracht Frankfurt, hörte er sich dann etwas zuversichtlicher an: „Ich mache mir nicht zu viele Sorgen.“

Herthas neuer Trainer besitzt eine tiefe Überzeugung in die eigenen Fähigkeiten. Zu den Journalisten in Berlin spricht er nur in den Pressekonferenzen vor und nach dem Spiel – Arsène Wenger halte es schließlich genauso. Mit solchen internationalen Gepflogenheiten hat auch Dick Advocaat nach seinem Amtsantritt bei Borussia Mönchengladbach seine dünne Öffentlichkeitsarbeit begründet. Das Klima war trotzdem von Anfang an vergiftet, nach einem halben Jahr musste Advocaat gehen. Doch diese Gefahr sieht Favre nicht. Auf Herthas Internetseite wird er mit der Aussage zitiert: „Wir haben einen Weg gefunden, mit dem beide Seiten leben können.“

Favre ist davon überzeugt, dass ihn seine Erfolge auf Dauer unangreifbar machen. „Ich arbeite so, als ob ich zehn Jahre in Berlin bleibe.“ Und von seinem Arbeitgeber erhält er alle denkbare Unterstützung. Hertha hat sich dem neuen Trainer nahezu ausgeliefert: Er darf sich einen Kader zusammenstellen, der allein seinen Vorstellungen entspricht. Ob es sinnvoll ist, Millionen für 18, 19 oder 20 Jahre alte Schweizer und Österreicher auszugeben, wird überhaupt nicht mehr in Frage gestellt. Auch Favres Landsmann Hanspeter Latour bediente sich als Trainer beim 1. FC Köln hauptsächlich in seiner Heimat, am Ende stiegen die Kölner mit lauter Schweizern aus der Bundesliga ab. „Den deutschen Markt kenne ich nicht gut“, sagt Favre.

Das muss kein Problem sein – wenn es Favre gelingt, aus seinen Spielern recht schnell eine funktionierende Mannschaft zu formen. Gelingt es ihm nicht, bekommen die Berliner ein Problem, von dessen Ausmaß sie sich noch gar keine Vorstellungen machen. Was passiert denn, wenn Favre, wie in seinem ersten Jahr in Zürich, nach der Hinrunde am Tabellenende steht? Ist die Angst bei Hertha dann nicht vielleicht doch größer als die Geduld? Pal Dardai sagt: „In einem halben Jahr wird alles akzeptiert sein.“ Falsch: In einem halben Jahr muss alles akzeptiert sein.

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