Hertha BSC : Des Trainers neue Dienste

Lucien Favre und seine ungewohnte Rolle als Machtfaktor bei Hertha BSC

Sven Goldmann
Hertha BSC Berlin - FC Schalke 04
Der Chef. Trainer Favre hat sich durchgesetzt.Foto: ddp

Berlin - Das wird nicht so einfach mit Lucas Barrios und Hertha BSC. Der argentinische Stürmer, der in 42 Saisonspielen für den chilenischen Klub Colo Colo 37 Tore schoss, soll 10 Millionen US-Dollar kosten. Es gibt Angebote aus Mallorca, Getafe und großes Interesse bei Lokomotive Moskau, wo das Geld bekanntlich lockerer sitzt als in Berlin. Lucien Favre weiß um Herthas schlechte Position auf dem Transfermarkt („etwa so wie Eintracht Frankfurt“), aber im Falle Barrios war er darüber so böse nicht. Der Berliner Trainer stand einer Verpflichtung des Argentiniers lange Zeit ablehnend gegenüber – womöglich auch, weil dieser ein Wunschkandidat des früheren Managers Dieter Hoeneß war.

Dem Trainer missfiel die dominante Art des Managers, dessen ständiger Anspruch auf aktive Gestaltung des sportlichen Machtbereichs. Hoeneß machte sich schon mal gern lustig über Favres Probleme, eine Entscheidung zu fällen und dann auch zu ihr zu stehen. Dass er damit so falsch nicht lag, dafür steht der Umgang des Trainers mit dem stürmischen Abgang von Hoeneß bei Hertha.

Monatelang hatte Favre Präsidium und Aufsichtsrat mit dem Wunsch in den Ohren gelegen, dass es mit ihm und Hoeneß gemeinsam nicht mehr weitergehe. Doch schon einen Tag nach der Trennung ließ Favre über seinen Berater Christoph Graf ausrichten, einen Machtkampf zwischen ihm und Hoeneß habe es nie gegeben, viel mehr hätten sie beide „gut zusammengearbeitet, selbst wenn es in fußballerischen Fragen zum Teil unterschiedliche Auffassungen gab“.

Das war eine überraschende, aber keineswegs unlogische Wende. Bei allem Ehrgeiz – in sportlichen Fragen die letzte Instanz zu sein, fällt Favre auch schwer. Der charmante Schweizer will in der Öffentlichkeit nicht als Machtmensch gesehen werden.

Ein wenig irritiert wird Favre registriert haben, dass er nach der personellen Neuordnung selbst stärker in den Fokus gerückt ist, auch über rein sportliche Fragen hinaus. Die seltsame Trennung von Verteidiger Sofian Chahed in dessen Urlaub wäre früher an Hoeneß'' breitem Kreuz abgeprallt. Jetzt aber sickerte schnell durch, dass es vor allem Favre war, der auf eine Weiterbeschäftigung Chaheds keinen Wert mehr legte. Unwidersprochen konnte Chahed via „Bild“ mitteilen, der Trainer habe ihn „verarscht“. Nach dem selben Prinzip transportiert Josip Simunic seit ein paar Tagen die Vorbereitung eines möglichen Abschieds zum Hamburger SV an die Öffentlichkeit.

Auf einmal wird der zuvor so still und bescheiden vor sich hin werkelnde Favre als Machtfaktor wahrgenommen und auch als solcher behandelt. Wie schon zu Hoeneß'' Zeiten ist Favres engster Vertrauter im Klub Michael Preetz, aber der hat nach seiner Beförderung zum Geschäftsführer genug Arbeit. Der Trainer muss seine neue, mit viel mehr Macht ausgestattete Position erst noch finden. Einen Stürmer, einen Verteidiger und einen Mann fürs linke Mittelfeld wollen Favre und Preetz verpflichten. „Es ist unmöglich“, hat Favre vor seiner Abreise in den Urlaub gesagt, denn zur Verfügung steht ihm nach der Kürzung des Personalbudgets nicht etwa nur wenig Geld, sondern weniger als gar nichts. Das allein wäre schwer genug. Aber wer Favres perfektionistischen Anspruch an neues Personal kennt, der kann sich vorstellen, welche Diskussionen er mit Preetz in den kommenden Wochen noch führen wird.

Vielleicht wird dabei auch der Name Lucas Barrios noch einmal auftauchen. Der Argentinier hat dem chilenischen Fachmagazin „Prensa Futbol“ schon mal anvertraut, er wolle auf keinen Fall nach Russland wechseln. Bei Hertha BSC heißt es, man könne sich ein Leihgeschäft vorstellen.

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