Sport : Hertha BSC: Die Ansprüche dieser Stadt

Michael Rosentritt

Jürgen Röber hat vor ein paar Monaten eine Wohnung am Gendarmenmarkt bezogen. Das ist sein Lieblingsplatz in Berlin, dort fühlt er sich wohl. Der Trainer von Hertha BSC schätzt die Künste im Schauspielhaus wie sonst nur seinen Beruf. Röber liebt es, Trainer zu sein. Er weiß allerdings auch, dass die Zeiten vorbei sind, als man wie Otto Rehhagel in Bremen einen Verein 14 Jahre lang trainieren durfte. Irgendwann wird auch für Röber die Zeit gekommen sein, Hertha und damit Berlin verlassen zu müssen. Vielleicht will er es dann ja auch. Was das Wegmüssen anbelangt, hat er zahlreiche Erfahrungen gemacht. Zweimal war er bei Hertha quasi entlassen, doch irgendwie wendete sich das Blatt.

Es ist schon eine Weile her, als sich der Aufsichtsrats-Vorsitzende des Vereins, Rupert Scholz, zu folgender Bemerkung hinreißen ließ: "Es reicht!" Sein Verein, der gestern auf der Mitgliederversammlung stolze 100 Millionen Mark Umsatz für die laufende Saison prognostizierte, hatte beim finanzschwachen FC Energie Cottbus verloren, und Scholz sagte: "Ich habe kein taktisches Konzept gesehen. Wie schwächere Mannschaften spielen, weiß man doch wohl vorher." Es war mehr als nur eine aufrüttelnde Rede, wie man sie von Franz Beckenbauer kennt.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Nach der verpassten Chance vom vergangenen Wochenende, die Champions League aus eigener Kraft zu erreichen, fragt man sich im Umfeld nun erneut, ob Röber noch der richtige Trainer ist für Hertha und für die Ansprüche dieser Stadt. Im Spiel gegen Leverkusen (1:1) hatte Röber - wie er selber sagte - "Harakiri" spielen lassen, was nicht wenige mit Kopfschütteln quittierten.

Vor einem halben Jahr wurde sein Anstellungsvertrag verlängert. Beide Parteien vereinbarten eine Laufzeit bis 30. Juni 2002. "Ich habe hier noch viel vor", sagte Röber damals. Seinen ersten Vertrag bei Hertha hatte er am 18. Dezember 1995 unterzeichnet. Röber führte den Verein aus der Zweitklassigkeit in die Champions League. Sein Team spielte auf Plätzen in Barcelona und London, im vergangenen Jahr aber auch in Chisinau und Wronki. Das eine liegt in Moldawien, das andere im polnischen Hinterland der Oder. Nach Dienstreisen dieser Art sieht es derzeit wieder aus. Die Champions League ist für Hertha weiter weg als der UI-Cup. Die Teilnahme am Uefa-Cup ist das Mindeste, was der Trainer erreichen sollte. Dafür muss Hertha nun in Kaiserslautern punkten.

"Wenn ich merke, dass ich die Mannschaft nicht mehr erreiche, wenn sie sich nicht mehr entwickelt, dann packe ich die Koffer", sagte Röber. Abnutzungserscheinungen gehören zum Fußballgeschäft wie Tore oder Verletzungen. Seit dem 17. Dezember 2000 etwa hat Stefan Beinlich kein Spiel mehr für Hertha bestritten. Bis dahin war der Nationalspieler für Hertha so wichtig wie Stefan Effenberg für den FC Bayern. Wochenlang fielen Marko Rehmer und Sebastian Deisler aus, die beiden anderen Berliner Nationalspieler. Ein anderer Trainer hätte daran wenig ändern können.

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