Sport : Hertha BSC: Die Bayern einholen

AndrÉ Görke

Wie überholen wir nur die Bayern? Darüber haben die Fans von Hertha BSC in der vergangenen Saison so intensiv nachgedacht wie zuletzt zu Beginn der siebziger Jahre, als angeblich nur der Bundesligaskandal einen Wechsel von Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller nach Berlin verhinderte. Knapp 30 Jahre später kickte Hertha immerhin in der Champions League, auf einem Niveau mit den Bayern, die auf einmal in Reichweite schienen ...

Derartige Gedankenspiele bezeichnet Dieter Hoeneß je nach Laune mal als "Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit" oder "Irrsinn". "Die Bayern haben einen Vorsprung von zwanzig Jahren", sagt der Berliner Manager, "wenn bei uns alles optimal läuft, dann können wir vielleicht in zehn Jahren mal Deutscher Meister werden. Vorher nicht!"

Die Bayern einholen - ein hoffnungsloses Unterfangen? Nein, Herr Hoeneß, dafür brauchen wir nur das richtige Zahlenwerk, zum Beispiel die "ewige Tabelle der Fußball-Bundesliga", nachzulesen im "Kicker-Sonderheft" zur heute beginnenden Bundesliga-Saison. Da steht es schwarz auf weiß: Bayern München hat schon 250 Bundesligaspiele verloren, Hertha BSC nur 246. Ein klarer, wenn auch knapper Vorsprung für Berlin.

Nun lügt bekanntlich nichts so gut wie eine präzise Statistik. Tasmania 1900 etwa hat nur 28 Spiele verloren - und ist doch die schlechteste Bundesliga-Mannschaft aller Zeiten. Und die Münchner sind die mit Abstand erfolgreichste, das bestätigen jede Menge andere Statistiken (und die lügen nicht). Seit 35 Jahren spielt der FC Bayern in der Ersten Liga, gewann von 1194 Spielen 657, schoss knapp 2600 Tore und holte 2258 Punkte. Hertha BSC spielt zumindest ab und an in der Ersten Liga (und hat deswegen auch nicht ganz so oft verloren). 850 Punkte haben die Berliner in 19 Jahren geholt und liegen damit an 18. Stelle. Der Abstand zu den Bayern ist immer noch gewaltig: 1408 Punkte und 584 Autobahn-Kilometer.

Welche Macht die Münchner im deutschen Fußball sind - auch das lässt sich mit Zahlen belegen. 82 500 Vereinsmitglieder sind beim FC Bayern registriert, dazu 102 040 Fans in 1805 Fanklubs. Da wirken die Fakten, die Herthas Fan-Beauftragter Carsten Grab vorlegt, fast schon familiär: 8600 Mitglieder, knapp 10 000 Fans in 631 Fanklubs. Und überhaupt, wer ist schon Carsten Grab? Der Fan-Beauftragte des FC Bayern stand 216 Mal im Tor des FC Bayern und heißt Raimond Aumann. Bayern München hat 92 Fanklubs weltweit. Einen in Ghana, einen in China, sogar einen auf den Philippinen. Hertha kommt in fernen Ländern auf gerade sechs Fanklubs.

Immerhin, durch ihre Erfolge in der Champions League haben die Berliner einigen Boden gutgemacht. Mittlerweile gibt es laut einer Studie der Rechteverwertungsgesellschaft Ufa 1,55 Millionen Hertha-Fans in Deutschland, die älter als 14 Jahre sind. Das klingt viel und ist doch wenig im Vergleich zu den sieben Millionen der Münchner. Fast jeder Deutsche kennt den Vereinsnamen des FC Bayern, nur 76 Prozent ist der Name Hertha BSC ein Begriff. Damit liegen die Berliner noch hinter Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln auf Rang zehn. Zur Beruhigung: Energie Cottbus war bis vor kurzem nur 49 Prozent bekannt, selbst Tennis Borussia hatte da mehr (53 Prozent). In der Ufa-Studie belegt Hertha unter den Punkten "international von Bedeutung", "vorbildlich", "ehrgeizig" und "wirtschaftlich erfolgreich" einen der vorderen Plätze. Die Bayern führen übrigens auch in der Rubrik "arrogant", Hertha liegt dort mit vier Prozent Zustimmung weit hinten.

431 Mal war der FC Bayern München Spitzenreiter der Bundesliga. Hertha BSC stand zuletzt im August vergangenen Jahres nach dem 5:2-Auftakt-Sieg über Hansa Rostock ganz oben. Fünf Mal insgesamt. Für ein sechstes Mal müsste morgen Abend schon ein Sieg beim FC Bayern her. Den letzten in München feierten die Berliner vor 23 Jahren, am 29. Oktober 1977 beim 2:0.

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