Sport : Hertha BSC: Die Berliner genießen die Flüchtigkeit des Augenblicks

Detlef Dresslein

Das Leben an sich ist ja nicht immer so einfach, schon allein weil wenige Dinge leicht zu durchschauen sind. Gut, dass das im Fußball etwas anders ist. Da ist der Ball immer rund, das Spiel dauert meistens neunzig Minuten, und man kann gar nicht verlieren, wenn man ein paar simple Parameter beachtet. "Wenn die Mannschaft intakt ist und man hart arbeitet, dann hat man auch Glück." Diese Erkenntnis stammt von Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha BSC, und sie wurde am Sonntag eindrucksvoll bestätigt - bei jenem 1:0-Sieg der Berliner beim TSV 1860 München, der mit dem Prädikat "glücklich" noch recht zurückhaltend umschrieben ist.

Dieter Hoeneß war einer von denen, die schon vorher alles ganz genau wussten, also schon vor dem späten Siegtor, das die Berliner auf Platz eins der Bundesliga katapultierte: "Ich hab noch zum Doc gesagt, der Paule haut den Ball rein und der Jolly macht das Tor. Ohne Quatsch, so war das." Für alle Nichteingeweihten: "Paule" trägt im bürgerlichen Leben den Namen Stefan Beinlich, und dessen Freistoß in der Nachspielzeit verwandelte Eyjölfur Sverrisson (so heißt "Jolly" in seinem Spielerpass) zum Siegtor ins Netz. Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher ("Doc") war Zeuge der Prophezeiung.

Jetzt ist Hertha also Tabellenerster, und es störte keinen in den Reihen der Berliner, dass sie von einer Mannschaft, die vorher dreimal hintereinander desaströs gekickt und verloren hatte, teilweise vorgeführt wurden. Auch dass Hertha in der zweiten Halbzeit nur noch dreimal ernsthaft über die Mittellinie kam, war im Freudentaumel des späten Erfolgs einerlei. "In solch einer Situation ist es vollkommen wurscht, wie der Sieg zustandekommt. Wir haben heute sicherlich nicht den Nobelpreis für schönen Fußball bekommen", sagte Hoeneß und kreierte für den Stil seiner Mannschaft das Wort "Zweckfußball".

Die einstündige Mannschaftsvollversammlung am eigenen Strafraum wurde auch von anderen recht euphemistisch beschrieben. Man habe sich "zu sehr zurückdrängen lassen", meinte Trainer Jürgen Röber ganz analog zu Kapitän Michael Preetz: "Wir haben uns nach ordentlicher Anfangsphase immer weiter zurückgezogen und versucht, kein Gegentor zu bekommen." Und letztlich alles richtig gemacht.

Dass all das in München geschah, war natürlich wunderbar. Dort im Olympiastadion, wo der Manager seinerzeit selbst wie diesmal Sverrisson die Bälle ins Tor wuchtete, für einen Verein, der seit diesem Sonntag als Berliner Vorbild herhalten kann: der FC Bayern München, mitsamt seiner erfolgreichen, wie stets neidvoll beäugten "schlecht spielen aber gewinnen"-Philosophie. Aber nicht nur deshalb ist München ein ominöser Ort für die Berliner. "Vor fünf Wochen", erinnerte sich sogleich Trainer Röber, "sind wir von hier als die größten Deppen weggeflogen". Seinerzeit hatte man sich von der Spielvereinigung Unterhaching mit 2:5 bedienen lassen. Und zum Saisonstart hatte es eine ebenfalls unangenehme 1:4-Niederlage beim FC Bayern gegeben. Da kam dieser Sonntag mit dem Sieg beim dritten Verein aus der bayerischen Kapitale gerade recht. Und wenn er als zusätzliche Veredelung den Sprung ans obere Ende der Tabelle bringt - umso besser.

Dieser unverhoffte Höhenflug brachte Kapitän Preetz ins Philosophieren: "Da sieht man wie schnell es geht im Fußball. Damals, nach Unterhaching, ist sehr viel über uns hereingebrochen, das ist sehr extrem hier in Berlin." Weniger nachdenklich, aber mit Freude am verbalen Spiel zeigte sich Abwehrspieler Andreas Schmidt bei der Analyse des defensiven Verhaltens: "Man merkt, dass die Adventszeit kommt - es brannte doch so einige Male im Strafraum."

Und doch wissen die Herthaner um die Flüchtigkeit des Augenblicks: "Das ist eine Momentaufnahme", befanden Röber und Hoeneß unisono, und Schmidt sprach von der Tabellenführung als "schönem Nebeneffekt". Aber der Manager hat langfristig mehr im Auge: "Wenn man in den nächsten fünf Jahren mal Meister werden will, muss man irgendwann auch mal auf dem ersten Tabellenplatz gewesen sein."

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