Hertha BSC : Die Macher und die Macht

Nach dem Abschied von Dieter Hoeneß muss Hertha ein neues inneres Gefüge finden.

Robert Ide
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Doppelfunktion. Dieter Hoeneß hinterlässt bei Hertha eine große Machtlücke. Foto: dpa

Berlin Am Schluss hat Dieter Hoeneß sich noch einmal selbst entdeckt. Als der scheidende Manager von Hertha BSC in den vergangenen Tagen sein Büro ausräumte, stapelten sich neben Geschäftspapieren und persönlichen Briefen aus 13 Jahren Amtszeit auch viele Erinnerungen auf dem blauen Teppich. Oben auf dem Konferenztisch lag ein Gemälde von ihm, das ein Künstler angefertigt hatte. Das Porträt zeigt in bunten Farben Hoeneß, wie er sich selbst gern sieht: mit einem selbstgewissen Blick hinter halb spöttisch zugekniffenen Augenlidern. Ab heute wird dieses Gesicht Hertha BSC nicht mehr prägen.

Ab heute will Dieter Hoeneß nur noch ein einfaches Vereinsmitglied sein, das sich ein neues Zuhause in München sucht. Neben Hoeneß als Manager, der die sportlichen Geschicke des Vereins dominiert hat wie keiner vor ihm, geht auch Hoeneß, der Vorsitzende der Geschäftsführung. Und lässt Hertha mit einer großen Machtlücke zurück, die nun die neuen Gesichter im Verein füllen wollen. Sie stehen dabei vor einer Grundsatzfrage: Wie soll die Entscheidungsgewalt in der neuen Zeit verteilt werden?

Hertha hat nun einen neuen Geschäftsführer Sport, den 41 Jahre jungen Michael Preetz. Er hat künftig gemeinsam mit Lucien Favre über die sportlichen Dinge zu befinden; der Trainer und der Manager haben bereits betont, dass sie eine ähnliche Philosophie verbindet. Und Preetz verspricht: „Ich stehe für Teamplay“ – was man auch als eine Abgrenzung zu Hoeneß verstehen kann. Wie sich das Team Favre/Preetz aber untereinander aufstellt und abgrenzt, wird eine der spannenden Fragen der Zukunft sein. Wer in der Personalpolitik das letzte Wort hat, war schließlich schon zwischen Favre und Hoeneß umstritten. So wollte Hoeneß zum Saisonende den auch bei den Fans beliebten Stürmer Marko Pantelic eher halten, während Favre sich letztlich nicht für einen Verbleib des eigenwilligen und zuweilen eigensinnigen Serben aussprechen mochte. Nun braucht Hertha einen neuen, bezahlbaren Angreifer.

Manager Preetz, der bislang merklich zurückhaltend agiert hat, muss nun seine Rolle neben einem Trainer finden, der ihm faktisch unterstellt ist, gleichzeitig aber so viel Einfluss erlangt hat wie lange kein Hertha-Coach vor ihm. Schließlich hat Favre zumindest indirekt auch Hoeneß’ vorverlegten Abschied mitbefördert, indem er sich jegliche Einmischung des Managers ins sportliche Geschäft verbat. Auf dem Transfermarkt fanden der nicht nur von Hoeneß als zögerlich umschriebene Favre und der allzu zupackende Manager mit einem Faible für Spieler aus Südamerika nicht mehr zu gemeinsamen Entscheidungen. Irgendwann war das beiderseitige Verhältnis kaum noch reparabel.

Dass die Bundesliga-Trainer über mehr Selbstbewusstsein verfügen, war in der abgelaufenen Saison nicht nur bei Hertha BSC zu beobachten. Felix Magath konnte sogar als trainierender Manager die Meisterschale nach Wolfsburg holen – allerdings mit dem finanzkräftigen Volkswagen-Konzern im Rücken, der sich sportlich nicht einmischte. Als VW aber die Ausgaben für seine Fußballabteilung zu deckeln gedachte, zog es Magath lieber nach Schalke, wo nach einer desaströsen Saison wieder große Träume verwirklicht werden sollen. Trainer, die ihren Willen nicht bekommen, können ihren Klub auch kurzerhand verlassen – wie Martin Jol, der beim Hamburger SV ebenfalls nach mehr sportstrategischer Entscheidungsgewalt strebte und diese schließlich beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam bekam. Nach diesem überraschenden Abgang und öffentlicher Kritik des abwandernden Jol an Manager Dietmar Beiersdorfer forderte der Machtkampf ein weiteres Opfer: Beiersdorfer selbst musste trotz einer recht passablen Transferpolitik und seiner Beliebtheit bei den Fans gehen.

Neuer starker Mann in Hamburg ist nun der gewiefte Vorstandschef Bernd Hoffmann. Auch in Berlin hat Präsident Werner Gegenbauer – gestärkt durch die neue Satzung und den gewonnenen Machtkampf mit Hoeneß – inzwischen die Zügel der Gesamtverantwortung fest in der Hand. In dieser Konstellation stellt sich nun eine entscheidende Frage: Wie sehr sollen und wollen sich die Oberchefs in das Tagesgeschäft ihrer Bundesligisten einmischen? In Hamburg jedenfalls hat Hoffmann seine Aufgaben sehr weitgehend formuliert: „Als Vorstandsvorsitzender trage ich die Gesamtverantwortung. Es ist meine Pflicht, Fragen zu stellen und Entwicklungen zu fordern. Und zwar in allen Bereichen.“

Besteht auch bei Hertha die Gefahr, dass Manager Preetz zwischen einem starken Trainer und einem starken Präsidenten zerrieben wird? Werner Gegenbauer hat dieser Vermutung schon zum Amtsantritt von Preetz widersprochen und angekündigt, er wolle sich wieder aus dem operativen Geschäft zurückziehen und keineswegs so etwas wie den Obergeschäftsführer spielen. Favre hat bislang nur erkennen lassen, dass er sich mit einer Rolle als letzte sportliche Instanz anfangs noch schwertut. Aber wie genau sich die Machtverhältnisse im Alltag zusammenruckeln werden, wird sich erst zeigen müssen. Michael Preetz jedenfalls weiß, was ihn erwartet: „Unser Trainer ist eine sehr starke Persönlichkeit, und er hat seinen eigenen Kopf.“ Aber der neue Manager fügt hinzu: „Genauso wollen wir ihn auch.“

Herthas scheidender Manager-Geschäftsführer Dieter Hoeneß, der sich auf Nachfrage nicht öffentlich äußern will, sieht die Sache womöglich anders. Er hat sich selbst bei Hertha wohl immer als sportliches Regulativ verstanden – und auf diese Weise dem Verein seinen persönlichen Stempel aufgedrückt. Sein Abschied wirft nun die Frage auf, wer in Zukunft welchen Stempel in der Hand behält. Die Abdrücke von Hoeneß bei Hertha werden noch bleiben, wenn auch nicht mehr als Porträt im Chefbüro.

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