Hertha BSC : Die Rollenspieler

Nach dem munteren Durcheinander gegen Leverkusen ist eines klar: Hertha BSC fehlt ein Anführer - auch weil die erfahrenen Spieler keine Verantwortung übernehmen.

Claus Vetter
Pantelic
Show statt Tore. Herthas Marko Pantelic zeigte gegen Leverkusen einen Hang zur theatralischen Geste. -Foto: dpa

Berlin - Gute Fußballmannschaften funktionieren oft nach ganz einfachen, mitunter hierarchischen Gesetzen. So etwa ist das bei Bayer Leverkusen. Deren Trainer Michael Skibbe sagte nach dem 3:0-Auswärtserfolg seiner Mannschaft am Sonnabend im Berliner Olympiastadion: „Meine Mannschaft lässt sich leiten von den erfahrenen Spielern wie Carsten Ramelow, Sergej Barbarez und Bernd Schneider.“ Daher funktioniere das bei Bayer zurzeit so gut. Das war beim Spiel in Berlin nicht zu übersehen, auf der anderen Seite war auch nicht zu übersehen, dass bei Hertha BSC genau das nicht funktioniert, was in Leverkusen funktioniert: Den Berlinern fehlt die ordnende Hand, fehlt ein Regisseur.

Es war ein munteres Durcheinander, das die Herthaner bei ihrer zweiten Heimniederlage in der laufenden Saison anboten. Manchem der Beteiligten war das am Ende gar zu bunt, so sagte etwa Abwehrspieler Malik Fathi: „Als Einzelspieler kann man bei uns sein Potenzial nicht abrufen, weil das Kollektiv nicht zusammenarbeitet.“ So sah es gegen keineswegs brillierende Leverkusener wohl aus: Hertha hat keinen Spieler, der die anderen mitreißen kann, die Spieler scheinen sich zurzeit eher gegenseitig runterzureißen.

Die Akteure, die dafür angesichts ihrem Status infrage kommen sollten, übernehmen nämlich nicht die erforderliche Verantwortung: Mannschaftskapitän Arne Friedrich versteckt sich auf der von ihm so geliebten, aber unkreativen Position des Innenverteidigers. Josip Simunic ist damit genug beschäftigt, mehr auf seine eigene Disziplin zu achten als auf alles andere und die beiden brasilianischen Mittelfeldspieler Gilberto und Mineiro machen bei Hertha das, was sie in ihrer Nationalmannschaft machen: Sie spielen ihre Rollen und nicht mehr. Stürmer Marko Pantelic hingegen ist zwar ein ständiger Unruhestifter in gegnerischen Strafräumen, der Serbe ist dabei allerdings vor allem darauf aus, sich selbst möglichst gut in Szene zu setzen, ein Kollektivspieler ist Pantelic nicht.

Bei Hertha will momentan niemand agieren, das hat auch Trainer Lucien Favre erkannt. „Wir haben ein Problem, wenn wir von Angriff auf Abwehr umschalten müssen“, sagte der Schweizer. „Statt zu antizipieren, reagieren wir nur.“ Und die Reaktion kommt oft zu spät, wie es bei zwei der drei Berliner Gegentore gegen Leverkusen zu beobachten war: Beim 0:2 und 0:3 konnte der Gegner nach Lust und Laune kombinieren. „Da standen wir viel zu weit vom Mann weg“, sagte Favre.

Über die vom Gegner gegebenen großen Freiräume waren die Leverkusener übrigens nicht überrascht. Ihr Mittelfeldspieler Simon Rolfes sagte: „Wir waren eben das schnellere und aktivere Team.“ Das Problem bei Hertha ist aber nicht nur die physische, sondern auch die geistige Beweglichkeit. Warum etwa will ein Spieler wie Friedrich nicht mehr Verantwortung übernehmen? Favre will sich zu der Rolle Einzelner nicht äußern. „Über Weihnachten“ will sich der Trainer „Gedanken über die Mannschaft machen“. Sicher wird das nicht reichen, die Berliner werden in der Winterpause auf dem Transfermarkt tätig werden müssen. Denn Hertha könnte den Abstiegsplätzen näher rutschen, hat es doch das Restprogramm der Hinrunde mit den Spielen in Nürnberg und gegen Bayern München in sich. Die Berliner müssen dies zudem ohne Patrick Ebert bestreiten, der Mittelfeldspieler muss nach einem gegen Leverkusen erlittenen Außenbandriss im Knie mindestens vier Wochen pausieren. „Wir stehen nun langsam unter Druck“, sagt Malik Fathi. Auch weil Hertha einfach ein Anführer fehlt.

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