Hertha BSC : Dolmetscher der Ideen

Der 24 Jahre alte Steve von Bergen gilt als Lieblingsschüler von Herthas Trainer Lucien Favre. Und das, obwohl der Verteidiger in der Hinrunde nicht immer gut aussah.

Stefan Hermanns[Puerto de la Cruz]
Steve van Bergen
Schweizer im Hertha-Trikot: Verteidiger Steve van Bergen.Foto: dpa

Es ist immer gut, wenn man die richtigen Freunde hat. Als Steve von Bergen in seinem Weihnachtsurlaub in London war, hat er dank guter Beziehungen sogar eine Karte für das Spiel seiner Lieblingsmannschaft bekommen. Ein alter Kumpel aus der Schweiz hat ihm die Tickets besorgt. Der Kumpel heißt Philippe Senderos, ist wie von Bergen Schweizer Nationalspieler und in London beim FC Arsenal angestellt. „Arsenal ist meine Top-Mannschaft“, sagt von Bergen. „Wie die spielen – unglaublich.“

Die Vorliebe für den englischen Spitzenklub teilt er mit seinem Trainer Lucien Favre. Es ist bekannt, dass der Schweizer seinen Kollegen Arsène Wenger und dessen Arbeit über alle Maßen schätzt: Was der Franzose mit Arsenal auf höchstem Niveau vollbracht hat, schwebt Favre auch für den Berliner Bundesligisten Hertha BSC vor, zumindest im Kleinen. Perspektivisch will er eine Mannschaft formen, die wiedererkennbaren Fußball spielt. Steve von Bergen kommt dabei eine tragende Rolle zu, selbst wenn er in seinem ersten Halbjahr in der Bundesliga manchmal noch etwas wacklig wirkte.

Der Innenverteidiger war der erste Spieler, dessen Transfer nach Berlin allein auf Favres Betreiben zurückzuführen ist. Man kennt sich. Im Sommer 2005 hat Favre von Bergen zum ersten Mal verpflichtet, damals aus Neuchatel, zwei Jahre später, nach zwei Meistertiteln mit dem FC Zürich, holte er ihn nach Berlin. Anders als sein zur gleichen Zeit verpflichteter Landsmann Fabian Lustenberger war von Bergen nie nur als Perspektivspieler vorgesehen. Aber der 24-Jährige wehrt sich dagegen, ungebührlich protegiert worden zu sein: „Favre hat nicht zu mir gesagt: Du kommst, und du spielst.“

Seine Verpflichtung war ein erstes Indiz dafür, dass Lucien Favre bei Hertha zweigleisig arbeitet. Zum einen versucht er den Kader, den er in Berlin vorgefunden hat, nach und nach mit seiner Philosophie zu infiltrieren; zum anderen soll dieser Prozess durch Spieler beschleunigt werden, die die Materie bereits hinreichend verinnerlicht haben. Durch Spieler wie von Bergen oder jetzt auch Raffael, den Favre ebenfalls aus Zürich kennt. Von Bergen soll auf dem Platz eine Art Dolmetscher für Favres Ideen vom Fußball spielen. In den Trainingspausen, nach taktischen Übungen, sieht man ihn mit seinen Kollegen diskutieren. Er erklärt und korrigiert.

Die Deutschen haben so lange auf den Schweizer Fußball hinabgeschaut, dass ihnen dabei vollkommen entgangen ist, wie sehr der kleine Nachbar sich inzwischen entwickelt hat. Nachwuchsfußballer aus der Schweiz verfügen über eine mehr als solide taktische Allgemeinbildung. Steve von Bergen erinnert sich daran, dass er die perfekte Interpretation einer Viererkette schon in der Jugend gelernt hat – durch Trockenübungen auf dem Platz. Die vier Verteidiger mussten mit Seilen in den Händen das richtige Verschieben proben, die Abstände klein halten, den Raum eng machen. Immer wieder und immer ohne Ball, manchmal eine halbe Stunde lang. „Das war nicht besonders interessant“, sagt er, „aber es hat wirklich viel gebracht.“

Es ist nicht Favres Idee vom Fußball, mit der von Bergen bei Hertha Probleme hatte; es war eher die Umgewöhnung auf den Fußball in Deutschland. „Er kommt langsam“, sagt Favre. Seit dem achten Bundesligaspieltag stand von Bergen immer in der Startelf, trotzdem weiß er, dass er einige Fehler gemacht hat, die den Gesamteindruck ein wenig getrübt haben: „In der Bundesliga spielt sich alles auf einem höheren Niveau ab. Die Zweikämpfe sind härter, es geht viel schneller, du hast weniger Zeit.“ Seine Gewöhnung läuft noch. „Ich weiß jetzt ein bisschen mehr“, sagt von Bergen. Und er wiegt auch ein bisschen mehr. Zwei Kilogramm hat er zugenommen, seitdem er in Berlin ist. Zwei Kilogramm, die sich Steve von Bergen antrainiert hat. „Mit Weihnachten hat das nichts zu tun.“

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