Sport : Hertha BSC: Druckausgleich

Klaus Rocca

Noch während der Urlaubstage in Italien und Österreich wurde ihm bei der Zeitungslektüre bewusst, dass der Druck größer wird. "Damit muss ich leben", sagt Jürgen Röber. Dass Bernd Schiphorst die Teilnahme an der nächsten Champions League "als Pflicht" für die von Röber trainierten Hertha-Fußballer nannte, diese Forderung des Präsidenten sei "sein gutes Recht". Er werde, so Röber, an diesem Erfolgsdruck nicht zerbrechen. Schon deshalb nicht, weil er "den Druck an die Mannschaft weitergeben" will. Was ihn selbst nicht vom Druck befreien wird. Nur ungern erinnert sich der Coach an die Vorwürfe, die der Aufsichtsratsvorsitzende Rupert Scholz nach dem letzten Spiel in Cottbus erhoben hatte. Ähnliches möchte er sich in der kommenden, am letzten Juli-Wochenende mit dem Gastspiel beim FC St. Pauli beginnenden Saison ersparen.

Wer wie Hertha über 30 Millionen Mark in Neue investiert hat, muss es sich gefallen lassen, mit hohen Erwartungen befrachtet zu werden. Vor allem die Verstärkung der Offensive durch Spieler wie Marcelinho und Bart Goor erweckt Hoffnungen. Und die Defensive, die in der vorigen Saison so viele Tore kassierte? "Wir sind da nicht schlechter geworden", meint Röber. Aber auch nicht besser. Doch die Rechnung, die Röber und Manager Dieter Hoeneß aufmachen, sieht so aus: "Durch die verstärkte Offensive wird die Abwehr entlastet." Ob diese Rechnung aufgeht? Sie hat zumindest eine gewisse Logik.

Tatsache ist aber auch, dass Hertha lange nach einem Verteidiger mit internationalem Format gesucht hat. Gefunden wurde lediglich Denis Lapaczinski, von dem niemand weiß, ob er schon so bald einen Stammplatz erkämpfen kann. Fast trotzig meint Röber, "so erstklassige Abwehrspieler wie Marko Rehmer und Dick van Burik muss man erst einmal haben". Er verknüpft damitfreilich gleichzeitig die Hoffnung, Rehmer möge endlich ähnlich erstklassige Leistungen wie in der Nationalmannschaft bieten.

Der große Kader, bei dem besonders das Mittelfeld überproportional besetzt ist, macht Röber keine Sorgen. Das Wort von der "Rotation" kommt ihm immer wieder über die Lippen. Wobei Spieler wie Ali Daei, Dariusz Wosz und Piotr Reiss, die Hertha am liebsten längst den Rücken gekehrt hätten, kaum damit rechnen können, in den Genuss dieser Rotation zu kommen. Wosz hofft, heute bei einem Gespräch mit Hoeneß die (finanzielle) Basis zum angestrebten Wechsel nach Bochum zu finden. Im Mittelfeld gesetzt sind Deisler, Beinlich und Goor.

Andere werden es schwer haben. Selbst Michael Preetz, Torjäger und Mannschaftskapitän. In seinem vielleicht letzten Jahr muss der 33-Jährige versuchen, den von einigen in Berlin bereits als "Traumduo" hochgespielten brasilianischen Sturm Marcelinho/Alves zu sprengen. Röber sagt unmissverständlich: "Erfolge in der Vergangenheit interessieren mich nicht. Für mich zählt, was im Training geboten wird." Ein für 14 Millionen Mark geholter Marcelinho, mit noch größeren Vorschusslorbeeren als einst Alves bedacht, hat natürlich eine gewisse Vorgabe. Alves wird beweisen müssen, dass er mehr kann als in der Vorsaison. Herthas Hoffnung ist, dass ihn sein Landsmann zu Besserem beflügelt.

Preetz weiß, dass er bei Röber hohes Vertrauen genießt, als Spieler, aber auch als Lenker und Denker. Was ihn prädestinieren könnte, wieder Kapitän zu werden. Röber hält sich da noch bedeckt: "Ich habe mir schon darüber Gedanken gemacht, werde das aber erst dem Spieler und nicht der Presse sagen."

Heute ist die Urlaubszeit vorbei, ruft Röber zum Saisoneröffnungs-Training (16 Uhr, Hanns-Braun-Platz am Olympiastadion). Nicht dabei sind die Nationalspieler Rehmer, Deisler, Kiraly, Dardai, Sverrisson, Daei, Zilic und Lapaczinski, die erst im Trainingslager zur Mannschaft stoßen. Das findet von Freitag an über zehn Tage im bewährten Quartier Kaprun in Österreich statt. Auch noch nicht präsentiert sich heute Marcelinho, der erst am Mittwoch in Berlin eintrifft. Beim ersten Testspiel am selben Abend gegen die Reinickendorfer Füchse (19 Uhr, Jahnsportpark) wird er möglicherweise unter den Zuschauern sein.

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