Hertha BSC : Erfolgsbilanz an der Realität vorbei

Hertha BSC ist erfolgreich in die Saison gestartet – die Bilanz lässt sich aber auch anders lesen. Markus Babbel hatte schon früh ein ungutes Gefühl.

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Markus Babbel.
Markus Babbel.Foto: dpa

Berlin - Der moderne Fußball hat einige fragwürdige Phänomene hervorgebracht. Eines davon ist das sogenannte Halbzeitspiel, das dem Publikum die Wartezeit bis zum Wiederanpfiff verkürzen soll und in der Regel keine gesteigerte Aufmerksamkeit verdient. Umso bedenklicher ist es, wenn einem die vermeintliche Pausenunterhaltung am Ende stärker in der Erinnerung haften bleibt als alles, was in den 90 Spielminuten auf dem Feld passiert ist. So war es am Montag nach dem 0:0 von Hertha BSC gegen Alemannia Aachen. Der Höhepunkt des Abends war der Auftritt einer gewissen Yvonne, die in einem Quiz mit dem Stadionsprecher schätzen sollte, wie lang denn das Streckennetz der Berliner S-Bahn sei. Yvonne, die offenbar in größeren Dimensionen denkt, tippte großzügig auf 25 000 Kilometer – in Wirklichkeit sind es 332. Aber das ist bei Hertha ja nicht neu, dass Erwartung und Realität manchmal recht weit auseinanderliegen.

Die Spieler des Berliner Zweitligisten sind zuletzt häufiger mit der öffentlichen Erwartung konfrontiert worden, dass ihr Aufstieg eigentlich nur noch Formsache sei; im Grunde konnten sie dieser Ansicht gar nicht entfliehen. Gut getan hat die allgemeine Zuversicht der Mannschaft offensichtlich nicht. „Einige Spieler haben sich davon ein bisschen anstecken lassen“, sagte Trainer Markus Babbel am Tag nach dem freudlosen Unentschieden gegen die Aachener. „Wir müssen aufpassen, dass keine Zufriedenheit einzieht.“

Auf den ersten Blick scheint die Sorge übertrieben zu sein. Es läuft doch alles bestens bei Hertha BSC. Die Berliner führen die Zweite Liga an, sie sind immer noch ungeschlagen, haben fünf der sieben Saisonspiele gewonnen, kurz: Der Absteiger hat einen leichteren Zugang in die ungewohnte Umgebung gefunden, als viele ihm zugetraut hätten. Man kann die erfolgreiche Bilanz aber auch anders lesen: Von den sieben Gegnern, gegen die Hertha bisher gespielt hat, finden sich fünf in der unteren Tabellenhälfte wieder, und durchweg überzeugend waren die Berliner bisher nur in den Heimspielen gegen Bielefeld und Karlsruhe. Gegen Oberhausen, Düsseldorf und Cottbus hat Hertha mit etwas Glück gewonnen, gegen Union und Aachen mit etwas Glück nicht verloren. „Man darf sich nicht nur auf das Glück verlassen, das wir schon das eine oder andere Mal hatten“, sagte Babbel. „Wir müssen auch unsere Klasse einbringen.“

Nominell besitzt Herthas Kader die höchste Qualität der gesamten Liga. Den Aachenern aber genügte ein kluger Plan ihres Trainers, um diesen Vorteil der Berliner auszugleichen. Der Außenseiter war mutig, er stellte die Passwege zu und zwang die Berliner zu langen Bällen. Zudem taten die Aachener das, was die Berliner kaum zu träumen gewagt hätten: Sie spielten mit – doch genau damit kam Babbels Mannschaft nicht zurecht. „Es muss unser Anspruch sein, dass wir eine Antwort darauf haben“, sagte Rechtsverteidiger Christian Lell. Hertha aber fand keine.

Trainer Babbel beschlich schon nach drei Minuten ein ungutes Gefühl, seine Versuche, korrigierend einzugreifen, liefen jedoch komplett ins Leere. Das liegt auch daran, dass die Selbstheilungskräfte innerhalb des Teams offenbar nicht besonders stark ausgeprägt sind. „Wir haben nicht die Mannschaft, die in ein Spiel reinfindet“, sagt Babbel. Entweder es läuft von Anfang an – oder es läuft gar nicht mehr. Beruhigend ist diese Erkenntnis für Herthas Trainer ganz bestimmt nicht.

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