Sport : Hertha BSC: Ernüchterung an der Gänsewiese

Benedikt Voigt

Vielleicht stammt die Idee ja von einem PR-Berater. Vielleicht haben sich die Tiere auch von selber niedergelassen. Auf jeden Fall sitzen 200 Meter vor dem ersten Kassenhäuschen im Sportpark Unterhaching Gänse neben einem kleinen Teich, rupfen Grashalme aus dem Rasen, und wenn Fußballfans vorübergehen, schnattern sie aufgeregt. Ein schönes Bild, es sieht nach Provinz aus, auch nach Idylle. Die Gänse passen wunderbar in das Bild aus den Asterix-Comics, das der Präsident der SpVgg Unterhaching, Engelbert Kupka, so gerne bemüht, wenn er seinen Verein beschreiben will: "Wir sind das kleine Dorf, das gegen übermächtige Gegner kämpfen muss." Unterhaching weiß, wo es in der Bundesliga steht.

Ganz anders Hertha BSC. Die Berliner sind nach dem peinlichen 2:5 beim Abstiegskandidaten SpVgg Unterhaching mehr denn je auf der Suche nach ihrer Rolle im bezahlten Fußball Deutschlands. Ein Spitzenteam wollte Hertha sein, eine Mannschaft, die in der Bundesliga um die ersten vier Plätze mitspielt. Und dann werden die Berliner von einem Abstiegskandidaten derart abgewatscht, dass Unterhaching seinen höchsten Erfolg in der Bundesliga feiert. "Nach so einem Spiel muss man sich schämen", sagte Trainer Jürgen Röber. Was ist nun mit dem Anspruch, zu den besten Teams im Lande zu gehören? "Eine abgezocktere Mannschaft als Hertha schießt uns nach dem 0:1 ab", stellte André Breitenreiter fest. Der Stürmer schoss die ersten drei Tore für Unterhaching. Das letzte Mal war ihm das in der Vorbereitung gelungen, gegen den 1. FC Miesbach. Landesliga.

"Wir wollen oben mitspielen, da muss man sich auswärts ganz anders präsentieren", sagte Sebastian Deisler, der zu den Schwächsten an diesem Tag gehörte. Um den dürftigsten Auftritt im Team konkurriert der 20-Jährige allerdings mit fast allen seinen Mitspielern. Auch Abwehrchef René Tretschok oder die beiden Manndecker Dick van Burik und Marko Rehmer kommen in die engere Wahl. "Wir haben bis auf Tretschok und van Burik nur Nationalspieler, da kann es nicht sein, dass man vorne einen Fehler macht und hinten so offen ist", sagte Röber gereizt. Zwar hatte Hertha einen umstrittenen Elfmeter kassiert, doch die eigentlichen Peinlichkeiten begannen in der zweiten Halbzeit beim Stande von 1:2. "Da hast du noch 45 Minuten Zeit und kannst so eine Partie immer noch umbiegen", wunderte sich Röber. Stattdessen ließen sich die Berliner auskontern. "Das war in der zweiten Halbzeit eine Katastrophe", ärgerte sich der Trainer.

Ein Mittel gegen die aktuelle Auswärtsschwäche weiß Röber auch nicht. Erst kündigte er eine "klare Ansprache an die Mannschaft" an, dann sagte er resignierend: "Vielleicht bekommt die Mannschaft eineinhalb Tage frei, wir sind jetzt seit einer Woche jeden Tag auf dem Platz." Er überlege auch, das nächste Mal auswärts defensiver anzutreten. Unterhachings Präsident war erfreut über die Berliner Angriffslust. "Wir haben bisher sehr defensivstarke Gegner gehabt, da kamen die Berliner gerade richtig." Unterhachings Trainer Lorenz-Günther Köstner sagte: "Wenn wir so gestanden hätten, wie Herthas Abwehr, wäre ich fuchsteufelswild geworden."

Es bleibt die Erkenntnis, dass Hertha BSC von seinem Anspruch, ein Spitzenteam zu sein, noch sehr weit entfernt ist. Der gegenwärtige Platz acht in der Bundesliga trifft den Leistungsstand ganz gut. Vielleicht schlichen die Spieler und Trainer Jürgen Röber auch deswegen so ernüchtert zu ihrem Mannschaftsbus. Als kleiner Trost lässt sich allenfalls feststellen: Hertha BSC ist eine Spitzenteam - zu Hause.

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