Sport : Hertha BSC: Es kann nur einen geben

Stefan Hermanns

Erich Ribbeck, der frühere Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hat sich in der Öffentlichkeit gern als Mann klarer Entscheidungen hingestellt. Als einst die Frage die Nation beschäftigte, ob denn nun Oliver Kahn Stammtorhüter der Nationalelf sei oder doch Jens Lehmann, verkündete Ribbeck daher unmissverständlich und für alle Zeiten: Kahn ist Torwart 1a, Lehmann Torhüter 1b.

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Fotostrecke II: Hertha Backstage Eine ähnliche Lösung hätte sich in diesen Tagen wohl auch beim Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC angeboten. Die Leistungsunterschiede zwischen Gabor Kiraly und Christian Fiedler sind ebenfalls nur marginal. Aber in der Praxis - das bringt die Position des Torhüters nun einmal mit sich - kann eben immer nur einer spielen. Jürgen Röber hat daher lange geschaut, gegrübelt und getüftelt. Kurz vor Ende der Winterpause hat Herthas Trainer nun seinen Entschluss bekannt gegeben: Fiedler (früher Nummer 2, dann Nummer 1) wird weiter im Tor stehen, wäre also nach Ribbeckscher Definition jetzt Herthas Torhüter 1a. An seinen Leistungen im Herbst gab es wenig bis gar nichts auszusetzen. Zudem zählt Fiedler, der 26 Jahre alte Ur-Herthaner, zu den Spielern, die die Erfolgsserie vor der Winterpause maßgeblich zu verantworten hatten. Dieser Besetzung hatte Röber in seiner Personalplanung einen gewissen Bonus eingeräumt.

Für Gabor Kiraly (früher Nummer 1, dann 2 und jetzt, nach Ribbeck, 1b) bedeutet dies eine Erfahrung, die er so nur am Anfang seiner Zeit in Berlin gemacht hat. Als er 1997 aus Ungarn kam, saß Kiraly zunächst als Ersatzmann auf der Bank. Im Tor stand Christian Fiedler, allerdings nur sieben Bundesligaspiele, dann - nach einem 0:4 Herthas in Rostock - wechselte Trainer Röber. Von diesem Zeitpunkt an spielte Fiedler nur noch, wenn Kiraly verletzt war.

"Ein Torhüter muss wissen, dass der Trainer hinter ihm steht", sagt Herthas Torwarttrainer Enver Maric. Kein Trainer wechselt seinen Stammtorhüter ohne Not. Dieses ungeschriebene Fußballergesetz kam Kiraly noch am Anfang dieser Saison zugute. Der ungarische Nationalkeeper spielte bei weitem nicht mehr so stark wie in seinen ersten beiden Jahren in Berlin. Doch auch als Fiedler den verletzten Kiraly Ende vorigen Jahres glänzend vertrat, erklärte Röber immer wieder, Kiraly bleibe die Nummer 1. Inzwischen hat Röber seine Meinung geändert.

Eine solche Entscheidung hängt nicht nur von der Leistungsstärke der beiden Torhüter ab. Weil die Unterschiede auf solch hohem Niveau ohnehin gering sind, spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Berti Vogts zum Beispiel hat 1994 bei der Weltmeisterschaft in den USA Bodo Illgner ins Tor der Nationalmannschaft gestellt. Nach dem Turnier erklärte der Bundestrainer dann, dass er Ersatzmann Andreas Köpcke eigentlich für den stärkeren Torhüter gehalten habe. Doch von Köpcke habe er gewusst, dass der als Reservemann im Gegensatz zu Illgner keinen Stunk machen werde.

Nach dieser Argumentation hätte Jürgen Röber Christian Fiedler wieder auf die Bank setzen müssen. Fiedler war vier Jahre lang Ersatzmann, vier Jahre lang hat er nie gemurrt. Gegen die Entscheidung des Trainers zu stänkern, "so etwas ist nicht meine Art", sagt der ruhige und bedächtige Fiedler. Gabor Kiraly hat ein ganz anderes Naturell. Außerdem weiß er, dass er spielen muss, um Stammtorwart in der ungarischen Nationalmannschaft zu bleiben. Überhaupt kann sich ein Mann, den Herthas Manager Dieter Hoeneß immer noch zu den besten Torhütern Europas zählt, auf Dauer nicht mit einem Platz auf der Ersatzbank zufrieden geben. Vermutlich wird Gabor Kiraly nur ein halbes Jahr warten müssen. Im Sommer kommt ein neuer Trainer. Dann wird neu entschieden.

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