Hertha BSC : Evolution im Sturm

Gut möglich, dass Hertha BSC im Sommer Marko Pantelic und Andrej Woronin verabschiedet. Pantelic kommt nicht mit Trainer Favre klar und Woronin ist teuer: Kauft Hertha den ausgeliehenen Stürmer, bleibt kaum Geld für weitere Transfers.

Sven Goldmann[Marbella]
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Marko Pantelic würde gerne in Berlin bleiben, doch die Chancen sind gering. -Foto: Winter

Picka ti …! Gleich wird Marko Pantelic wie gewohnt fluchen, laut und derb und Serbisch (auf die komplette Version und eine Übersetzung wird verzichtet, auch Kinder lesen Zeitung). Die Sonne lacht über dem Trainingsplatz von Marbella, vielleicht auch über Herthas Stürmer Marko Pantelic, der den Ball gerade aus bester Position sanft in die Arme des Torhüters gehoben hat. Picka ti ... – denkt Pantelic wahrscheinlich, aber nach der dritten vergebenen Großchance im Testspiel gegen den VfL Osnabrück hat er keine Kraft mehr für einen Fluch.

Manchmal leiden Stürmer leise, öfter aber laut. Der Tag, an dem Andrej Woronin in die Luft ging, war ein guter Tag für Hertha BSC. 1899 Hoffenheim gastierte im Olympiastadion, der Meister des schönen Spiels, aber das schöne Spiel wollte ihm nicht so recht in die Füße fallen. Hertha gewann 1:0. Woronin schoss das Tor, und er hätte den Abend noch schöner gestaltet, wäre er nicht zweimal in bester Position von Waleri Domowtschiski ignoriert worden. Einmal schoss der Bulgare den Torwart an, beim zweiten Mal ans Außennetz, und Woronin wäre dem Kollegen am liebsten noch auf dem Platz an die Gurgel gegangen.

Der Ärger ist längst aus der Welt, aber vielleicht erlebt er am Ende der Saison eine Neuauflage. Wenn Woronin womöglich Berlin verlassen muss, weil Hertha für die Zukunft mit Domowtschiski plant. Die Dinge sind in Bewegung geraten. Lucien Favre sagt, er habe fünf Stürmer für zwei Plätze. Im Trainingslager von Marbella lässt Herthas Trainer alle fünf rotieren: die Routiniers Woronin und Pantelic, seinen Lieblingsschüler Raffael (zu dem die Liebe in den letzten Monaten allerdings ein wenig abgekühlt ist), den nach langer Verletzungspause auf seine Chance brennenden Amine Chermiti und Waleri Domowtschiski. An dem schätzen sie bei Hertha das, was Andrej Woronin vor ein paar Wochen verflucht hat. Dass er, wenn in Strafraumnähe nur noch das Tor im Sinn hat. Von seinem Potenzial spricht Favre intern mit größtem Respekt.

Woronin wird 30, Pantelic ist es schon. Beider Verträge laufen aus, vielleicht werden sie beide nicht verlängert. Im Fall Woronin sind die Berliner darauf angewiesen, dass der FC Liverpool das bis zum Sommer befristete Leihgeschäft in eine Dauerlösung umwandelt. Den Engländern schwebt eine Ablöse von gut vier Millionen Euro vor, dazu kämen noch knapp zwei Millionen Euro Jahresgehalt. Woronin dürfte kaum zu Abstrichen bereit sein, „ich muss an meine Familie denken“.

Ließe sich Hertha auf dieses Spiel ein, wäre der Raum für weitere Transferaktivitäten erschöpft. Für Favre aber sind „Transfers der Schlüssel für eine gelungene Saison“, und seine Vorstellungen von der Weiterentwicklung der Mannschaft dürften sich nicht in der Verpflichtung eines bald 30-Jährigen erschöpfen. Für Woronin spricht, dass er wichtige Spiele entscheiden kann, etwa das gegen Hoffenheim, auch beim 1:0 in Leverkusen schoss er das Tor. Aber er neigt dazu, das Spiel langsam zu machen. Andrej Woronin gehört nicht zu dem von Lucien Favre favorisierten Spielertyp.

Das trifft auch auf Marko Pantelic zu. Seine Verdiente sind unumstritten, aber seine Weiterbeschäftigung erscheint wegen unüberbrückbarer Dissonanzen mit Favre unmöglich. Es war ein Zwischenfall vor dem Spiel gegen Stuttgart, der den Bruch aus Sicht des Trainers irreversibel macht. Pantelic hatte nach der Rückkehr von einem Länderspiel unentschuldigt beim Training gefehlt. Favre erwartete eine Entschuldigung, doch was folgte, waren üble Beschimpfungen. Der Trainer warf Pantelic aus der Kabine und konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, ihn für den Rest der Saison zu suspendieren. Eine Vertragsverlängerung ist mit Favre nicht zu machen, und gegen den Willen des Trainers wird Hertha Pantelic nicht halten. Die Charme-Offensive des Publikumslieblings („Ich bin in Berlin nicht irgendein Fußballer, die Leute kennen und mögen mich“) kommt zu spät.

Dann ist da noch seine Verletzungsanfälligkeit, sie wäre ein Makel, sollte Hertha im internationalen Geschäft spielen. Manager Dieter Hoeneß schiebt das Gespräch mit Pantelic immer weiter hinaus. In Marbella hat der Serbe mal wieder von seinem Herzblut für Hertha und seinen Verdiensten der vergangenen Jahre gesprochen. Ein gewisses Maß an Verzweiflung war nicht zu überhören.

Kann Hertha sich den Verzicht auf zwei etablierte Bundesligastürmer leisten? Nun, Woronin hat in 13 Spielen drei Tore geschossen, Pantelic vier in 15 Spielen. Die Gewichte haben sich verschoben. Die besten Schützen dieser Saison sind Gojko Kacar und Cicero mit je fünf Toren.

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