Hertha BSC : Favre beginnt zu wirken

Im Kleinen ist bereits zu erkennen, dass sich der neue Trainer positiv auf Herthas Spiel auswirkt.

Stefan Hermanns
Lucien Favre
Endlich wild. Lucien Favre, der stille Schweizer, kann auch anders. Seine Mannschaft offensichtlich auch. -Foto: dpa

Berlin - Kurz nach der Pause war im Kern genau der Fußball zu sehen, den Lucien Favre sehen will. Der Ball kam an die Seitenlinie geflogen, und obwohl er etwas zu hoch angesetzt war, wurde er mit nur einem Kontakt präzise weitergeleitet – genau in die Arme von Sofian Chahed. Herthas Trainer war von seiner Bank aufgesprungen und hatte dem Ball mit dem Fuß aus der fließenden Bewegung heraus die gewünschte Richtungsänderung gegeben. Chahed führte den Einwurf aus, der Ball landete bei Solomon Okoronkwo, und von seinem Fuß hoppelte er erneut ins Seitenaus. Im Großen hat Lucien Favre bei seinem neuen Arbeitgeber Hertha BSC noch eine Menge Arbeit.

Technik in Bewegung – so hat der Schweizer seine Idee vom Fußball gestern noch einmal auf den Punkt gebracht. Die Spieler sollen schnell denken, schnell passen, viel laufen. Wirklich revolutionär ist das nicht, eher der aktuelle Stand der Forschung. Dass die Berliner sich damit noch so schwer tun, weist auf gravierende Versäumnisse in der Vergangenheit hin – auch in der viel gelobten Nachwuchsarbeit des Klubs. „Mittelfristig werden wir die Philosophie des Trainers umsetzen“, sagte Herthas Außenverteidiger Malik Fathi nach dem 3:1-Sieg des Berliner Bundesligisten gegen den VfB Stuttgart. „Heute waren Ansätze zu sehen.“ Dass die Mannschaft nach einem 0:1-Rückstand zur Pause das Spiel gegen den Deutschen Meister in der zweiten Halbzeit noch drehte, „ist eine kleine Bestätigung“.

Nach dem holprigen Start in die Saison, vor allem nach den latenten Zweifeln im Umfeld, haben die Berliner geradezu nach einem solchen Zeichen der Hoffnung gelechzt. „Das war wichtig fürs Selbstbewusstsein“, sagte Fathi. Schon vor einer Woche, nach der Niederlage in Frankfurt, hatten sie nach dem Positiven gefahndet und immerhin festgestellt, dass die zweite Halbzeit besser gewesen war als die erste. Genau wie gegen Stuttgart. „Daraus einen Trend abzulesen wäre ein bisschen einfach“, sagte Herthas Verteidiger Andreas Schmidt. „Aber fit sind wir.“

Das Spiel gegen den Meister passte zumindest in das Muster, das bei Herthas Spielen zuletzt zu beobachten war. Wie gegen Stuttgart, so steigerte sich die Mannschaft auch im Pokal gegen Unterhaching und zum Ligaauftakt in Frankfurt nach einer unterirdischen Leistung in der ersten Halbzeit. „Wir haben all das umgesetzt, was der Trainer wollte“, sagte Kapitän Arne Friedrich. Es ist eine erfreuliche Erkenntnis, dass Favres Anweisungen offensichtlich zum Ziel führen. Und es nährt die Hoffnung, dass demnächst auch im Großen funktioniert, was sich bereits im Kleinen als wirkungsvoll herausgestellt hat.

In die Kabinenansprachen während der Pause wird hierzulande eine Menge hineingeheimnisst. „Ist der Trainer laut geworden?“, werden die Spieler in der Regel gefragt, wenn sie in der zweiten Hälfte eklatant besser waren als in der ersten. Im Olympiastadion wurde diese Frage am Samstag nicht gestellt. Niemand kann sich den stillen Favre als cholerischen Wüterich vorstellen. „Sehr ruhig, sehr sachlich“ hat Friedrich seinen Trainer in der Pause erlebt. Favre ist kein Schreihals, er ist ein Analytiker. Er fand es „nicht unlogisch, dass wir in der ersten Halbzeit Schwierigkeiten hatten“. Immerhin war der Gegner der Meister, eine eingespielte und systemfeste Mannschaft, von sich selbst überzeugt.

Als Herthas Spieler nach der Pause aufs Feld zurückkamen, hat Favre Friedrich noch einmal erklärt, wie er und die Mannschaft sich zu verhalten hätten. Der besseren Verständlichkeit wegen hatte er alles auf einen Zettel gemalt. „Du kannst in der Pause nicht viel sagen“, sagt Favre. „Ich habe vielleicht eine Minute geredet. Länger, das bringt nicht viel.“ Statt vor der gesamten Gruppe spricht er lieber mit einzelnen Spielern, erklärt taktische Details, korrigiert, was ihm in der ersten Hälfte aufgefallen ist. Das beantwortet auch die Frage, warum Favre, das, was er seiner Mannschaft in der Pause mitgibt, nicht schon vor dem Spiel sagt.

„Momentan habe ich das gern, dass die erste Halbzeit nicht so gut ist und die zweite besser“, sagt Favre. „Lieber als umgekehrt.“

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