Hertha BSC gegen Holstein Kiel : Der Mann, der alles wissen muss

Herthas Trainer Huub Stevens überlässt auch ein Pokalspiel gegen Holstein Kiel nicht dem Zufall – drei Scouts haben den Drittligisten beobachtet

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Von André Görke

Berlin. Die Schalker Profis staunten nicht schlecht, als ihr Huub Stevens plötzlich eine Videokassette einschob. Schalke 04 spielte im DFB-Pokal gegen Rain am Lech, Bundesligaprofis gegen Amateurfußballer. Was sollte schon schief gehen? Die Spieler lächelten. der Trainer nicht. Er zeigte immer wieder auf die Leinwand und nahm die Taktik des Siebtligisten systematisch auseinander. Stärken. Schwächen. Freistoßvarianten. Fast kamen sich die Schalker wie bei der Vorbereitung auf ein Champions-League-Spiel vor. Konsequenz? Die Sensation blieb aus. Die Schalker schossen am nächsten Tag sieben Tore. Rain am Lech war chancenlos.

Seit zwei Monaten arbeitet Huub Stevens bei Hertha BSC. Heute kicken die Berliner in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Holstein Kiel, dem Tabellenletzten der Regionalliga Nord. Ein besseres Freundschaftsspiel? Nein, sagt Stevens: „Ich habe großen Respekt vor Holstein Kiel. Was glauben Sie denn? Die spielen in der dritten Liga. So schlecht ist das nicht.“ Unterschätzen? So etwas mag Stevens überhaupt nicht.

Vor dem Pokalspiel setzte sich Stevens mit seiner Mannschaft zusammen und schaltete den Projektor an. Herthas Trainerstab hatte in den vergangenen Wochen drei seiner Beobachter auf die Kieler Mannschaft angesetzt. Bei den Regionalliga-Spielen saßen sie unauffällig auf der Tribüne und schrieben auf, was der Cheftrainer wissen musste. „Ich vertraue unseren Scouts“, sagt Stevens. Die Analyse soll umfassend sein: Stevens kennt die Stärken jedes Kieler Spielers, jede Freistoßvariante, die Taktik, und wenn es nötig gewesen wäre, dann hätten die Scouts auch den Geburtstag des Kieler Platzwarts herausbekommen. Wahrscheinlich kennt Stevens die Kieler sogar besser als deren Trainer Gerd-Volker Schock.

So eine Vorbereitung auf Amateurklubs wirkt seltsam. Dennoch: Mit Schalke gewann Stevens in den vergangenen beiden Jahren den DFB-Pokal. Schalke stolperte eben nicht über die kleineren Klubs wie so viele andere Bundesligisten: Borussia Dortmund etwa verlor bei den Amateuren des VfL Wolfsburg, Bremen flog gegen Uerdingen raus, Nürnberg gegen Ulm.

Das Problem gegen die kleinen Vereine ist nicht immer, dass diese im Gegensatz zu den Profis extrem motiviert sind. Die Bundesligaspieler kennen die Taktik der Amateure einfach nicht. Natürlich verschiebt Stevens in der Kabine keine Figuren auf einer Magnettafel, um die Taktik des Gegners zu erklären. Herthas Trainerstab arbeitet mit einem Computerprogramm, dem so genannten Master Coach System. Stevens kann so jede gewünschte Aktion gezielt auswählen und den Spielern zeigen. Pässe oder Eckbälle etwa können einzeln markiert werden. Somit muss Stevens nicht immer spulen, sondern kann einfach den Verlauf des Balles zeigen und so eine taktische Variante des Gegners aufdecken. Linksfuß. Rechtsfuß. Kopfballstärke. Kotrainer Holger Gehrke spricht beispielsweise von einer Kieler Freistoßvariante, die dann drei Mal auf den Videos zu sehen ist. Und irgendwann haben sie alle Hertha-Spieler begriffen.

Die Kieler müssen sich nun etwas Neues einfallen lassen.

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