Hertha BSC : Gesichtsloser Fußball

Hertha BSC spielt gegen harmlose Cottbuser ohne Geschwindigkeit und damit ohne Wirkung. Der Manager spricht gar von einem "Gurkenspiel".

Michael Rosentritt
Hertha
Oje, BSC. Die Hertha erreicht beim 0:0 gegen Cottbus einen vorläufigen Tiefunkt. -Foto: dpa

Berlin - Gestern schleppte Lucien Favre vier gelbe Spielerdummies aus Plastik vom Trainingsgelände. Vom Übungsgrün lief er vorbei an satten Hecken hinüber zur Gerätekammer des Berliner Bundesligisten. Der Trainer von Hertha BSC blinzelte dabei in die Oktobersonne, und vermutlich wird er sich unfreiwillig an den Nachmittag des Vortags erinnert gefühlt haben, an dem seine leibhaftigen Fußballspieler beim 0:0 gegen den Tabellenletzten aus Cottbus so antriebslos und bewegungsarm waren wie die Statisten aus Plastik in seinen Händen. „Wir hatten zu wenig Bewegung in unserem Spiel und kein Tempo. Deswegen entwickelten wir zu wenige Torchancen. Das war wirklich kein gutes Spiel“, sagte Favre.

Was sich beim Schweizer Lucien Favre mit französischem Akzent immer ein wenig niedlich anhört, hatte Herthas Manager in griffiges Vokabular gepresst. Dieter Hoeneß sprach von einem „Gurkenspiel“ gegen die Lausitzer, „das war rundherum nichts“. Hoeneß verbat es sich selbst, in eine detaillierte Analyse zu tauchen. Und weil er alles auch ein bisschen mit zu verantworten hat, richtete er seinen Blick nach vorn. „Die Sorte von Halbzeit wie die erste werden wir nicht mehr sehen“, sagte Hoeneß, vergaß dabei aber irrtümlicherweise den zweiten Abschnitt gegen Cottbus, der fast noch ärmlicher war.

Das Spiel der Berliner wirkte behäbig bis pomadig und erinnerte an die vergangene Rückrunde, in der Hertha die drittschlechteste Mannschaft war. Nichts war zu sehen von Favres Spielidee; von Offensivdrang, von spielerischen Lösungen, von Organisation und taktischer Reife. Und das gegen einen Gegner, der bisher sieglos geblieben war, dem dabei noch nicht ein einziges Törchen auf fremden Platz gelungen war. Dass Marko Pantelic in der Schlussminute einen geschenkten Elfmeter verschoss, passte ins Bild.

Mangelnde Leistungsbereitschaft mochte Manager Hoeneß der Mannschaft nicht unterstellt wissen. Lag es an der wenig offensiven Aufstellung? Favre hatte neben der Viererabwehrkette noch drei weitere defensive Spieler (Mineiro, Chahed und Dardai) im Mittelfeld aufgeboten. „Ich nehme die Kritik an“, sagte Favre, „aber nicht wegen der Aufstellung, sondern weil wir nicht gut gespielt haben.“

Das laue 0:0 gegen den Tabellenletzten war das dritte sieglose Spiel in Serie für die Berliner. „In den letzten Spielen haben die Resultate nicht gestimmt“, sagte gestern Mannschaftskapitän Arne Friedrich. Er hätte besser sagen sollen, dass seit dem Sieg gegen Dortmund vor 14 Tagen gar nichts mehr stimmt. Weder gegen Rostock noch gegen Schalke und schon gar nicht im Duell mit den harmlosen Cottbusern war eine neue Spielkultur zu sehen. Dem Spiel der Berliner mangelt es zuletzt an elementaren Dingen wie zum Beispiel dem Spiel ohne Ball. Es ist auffällig, dass sich dem ballführenden Spieler einfach zu wenige Anspielstationen bieten. Dabei fehlt es den Spielen nicht nur am ziel- und zweckorientierten Freilaufen, sondern generell an Laufbereitschaft.

Immer mehr verfestigt sich der Eindruck, dass es der Mannschaft schlicht an Qualität fehlt. Natürlich wird Favre das so nie sagen, aber es ist fraglich, ob er etwas anderes meint, wenn er sagt: „Wir haben Probleme, ein Spiel zu machen.“ Diesen Satz formulierte Favre fast schon ungehalten für seine Verhältnisse. „Wir haben hier Probleme“, wiederholte der Trainer. Es mangele dem Kader an Spielern, die ein Spiel lesen, also antizipieren könnten. Ein Fußballspiel zu gestalten, setze ein paar grundsätzliche Eigenschaften voraus. Spieler, die technisch nicht beidfüßig stark sind, können weder schnell noch genau passen. Ohne solche Profis bleibt das eigene Spiel geschwindigkeits- und daher wirkungslos.

„Hier wird zu viel geträumt“, sagte Lucien Favre am Sonntag, ließ aber dabei offen, wen er damit meinte. Er erinnerte daran, dass 13 Spieler den Verein verlassen haben im Sommer und nur fünf neue Feldspieler gekommen sind. Lucio ist verletzt; Steve von Bergen und Fabian Lustenberger sind für die Zukunft geholt worden. Bleiben André Lima und Tobias Grahn. „Lima und Grahn sind noch nicht bereit“, sagte gestern Lucien Favre unerschrocken und verschwand in die Oktobersonne.

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