Hertha BSC : Gojko Kacar: Einer, der zu viel kann

Warum Hertha-Trainer Lucien Favre noch nach der richtigen Position für Gojko Kacar sucht.

Sven Goldmann[Stegersbach]
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Der Lieblingsschüler. Gojko Kacar ist einer von Favres Favoriten, auch wenn er nicht immer die richtige Einstellung hat. Foto:...

Gojko Kacar sagt, das Besondere bei Hertha BSC seien die vielen Gespräche mit dem Trainer. Nicht über Motivation oder Kampfgeist oder Saisonziele, klassische Themen aus dem Handbuch der modernen Fußball-Psychologie. Sondern über die vielen Kleinigkeiten des Alltags. Kurzpässe, Ballstoppen, Grätschen. Vor ein paar Tagen hat Lucien Favre ihm gesagt, er solle doch ein wenig an der Schusstechnik mit dem linken Fuß arbeiten. Also schlägt Kacar im Trainingslager von Stegersbach die Flanken von links, immer auf den Elfmeterpunkt, bis es ihm irgendwann zu langweilig wird. Aus vollem Lauf schwingt er den rechten Fuß hinter das linke Standbein und zwirbelt den Ball mit viel Effet in die Mitte. Das sieht spektakulär aus, geht aber auf Kosten des Gleichgewichts. Kacar stürzt also, und von der anderen Seite des Platzes ruft sein Kapitän Arne Friedrich: „Vorsicht, Verletzung!“

Kacar springt auf und lacht, nichts passiert, und glücklicherweise steht Trainer Favre weit weg in der anderen Hälfte des Platzes. Mag sein, dass er einer der Lieblingsschüler ist, aber mit Lieblingsschülern gehen Trainer meist am strengsten um. Favre schätzt Kacars Technik, seine Physis und die Fähigkeit, das Spiel schnell zu machen. Und doch steht der Serbe stets im Verdacht, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Bei freiwilligen Trainingseinheiten gilt er als eher gelegentlicher Gast, sportgerechte Ernährung zählt nicht zu seinen Lieblingsdisziplinen, und wenn einer zu spät zum Mannschaftsbus kommt, ist es meist Gojko Kacar.

Und dann ist da die serbische Nationalmannschaft. Natürlich ist Kacar stolz, für sein Land zu spielen, aber für Hertha BSC hatte das internationale Engagement des Mittelfeldspielers vorwiegend kontraproduktive Folgen. Im vergangenen Sommer verpasste Kacar die Vorbereitung wegen des olympischen Fußballturniers in Peking, dieses Mal ließ die U-21-Europameisterschaft in Schweden nur eine zweiwöchige Regenerationsphase zu. „Das war schon okay, mehr brauche ich nicht“, sagt Kacar. Aber sein Spiel lebt nun mal vor allem von der Fitness, von der Schnellkraft und der Ausdauer. In der vergangenen Saison hatte Kacar eine großartige Hinrunde gespielt und mit fünf Toren Herthas Aufstieg in die upper class des deutschen Fußballs maßgeblich begünstigt.

Aber als es darum ging, die Anfangserfolge zu bestätigen, da zwangen ihn Unpässlichkeiten zum Zuschauen. Kacar kam noch einmal zurück, aber wer weiß schon, ob die Berliner mit einem Kacar in Bestform in der finalen Saisonphase auch so dramatisch gescheitert wären.

„Die Vergangenheit interessiert mich nicht“, sagt Kacar, „ich lebe und arbeite für die Gegenwart.“ Aber auch die könnte sich schwierig gestalten. Das Problem des Gojko Kacar ist, dass er so ziemlich überall spielen kann. Als ihn Trainer Favre vor zwei Jahren bei der U-21-Europameisterschaft in den Niederlanden zum ersten Mal beobachtete, „da hat er Innenverteidiger gespielt. In Schweden war er eine Neuneinhalb“, der Kreativspieler hinter den Spitzen. Mit 22 Jahren steht er schon für die Bandbreite des modernen Fußballs, und Favre tut sich schwer dabei, den richtigen Platz für ihn zu finden. Die zentralen Positionen im defensiven Mittelfeld hat er an Cicero und Pal Dardai vergeben, für die anspruchsvolle Aufgabe des offensiven Mittelfeldspielers hinter dem neuen Sturmführer Artur Wichniarek ist Favres Vertrauensmann Raffael gesetzt. Und in der Innenverteidigung wäre seine Antriebskraft wohl verschenkt, mal abgesehen davon, dass er selbst dort auch nicht seine Zukunft sieht. „Ich denke, in der Offensive bin ich am wertvollsten für die Mannschaft“, sagt Kacar. Nationaltrainer Radomir Antic plane auch entsprechend für die A-Nationalmannschaft .

Antic ist in Serbien ein Nationalheld und bekennender Kacar-Fan. „Welcher andere Spieler in seinem Alter hat so eine Dynamik und ist so gefährlich als Torschütze aus der zweiten Reihe“, sagt der Mann, der als einziger Trainer en suite die spanischen Spitzenmannschaften Real Madrid, Atletico Madrid und FC Barcelona betreut hat. Kacar ist fest eingeplant für das entscheidende WM-Qualifikationsspiel am 8. September in Belgrad gegen Frankreich. Bei einem Sieg ist den Serben die Qualifikation für Südafrika 2010 nicht mehr zu nehmen. Und Gojko Kacar würde auch den dritten Sommer hintereinander ohne Pause das tun, was er am liebsten macht: Fußball spielen.

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