Hertha BSC : "Hertha wirkt blass“

Präsident Bernd Schiphorst über Image und Ambitionen des Bundesligisten, einen Auszug aus dem Olympiastadion und die Arbeit von Manager Dieter Hoeneß.

Bernd Schiphorst Foto: dpa
Bernd Schiphorst - Präsident von Hertha BSC. -Foto: dpa

Herr Schiphorst, welche Fehler hat Hertha BSC in den vergangenen Jahren gemacht?

(Schweigt zunächst) Fehler, puh – ich würde eher von Versäumnissen sprechen. Ganz sicher gehört dazu die fehlende Entwicklung eines Profils. Der Verein wirkt blass. Hier brauchen wir eine Botschaft, die den Menschen eine Identifikation leichter macht. Eine heikle Entscheidung, die wir damals aus Staatsräson gefällt haben, war das Votum für ein modernisiertes Olympiastadion. Keine Frage, das Stadion ist wunderschön, es fasziniert mich, aber leider ist es keine Fußballarena. Das ist ein Punkt, der sicher einmal wieder aktuell wird.

Wie meinen Sie das?

Nun, ein Neubau neben dem Olympiastadion hatte auch viele Befürworter, zum Beispiel mich. Aber die Bewerbung für die WM 2006 lief, Wahlen zum Abgeordnetenhaus standen bevor. Ich sage eines voraus, ohne jetzt schon eine öffentliche Debatte führen zu wollen: Ob Hertha im Jahr, sagen wir, 2020 noch im Olympiastadion spielen wird – dahinter setze ich mal ein großes Fragezeichen.

Hertha geht in ein wichtiges Jahr. Die Mannschaft muss in der Rückrunde mit attraktiverem Fußball viele Fans zurückgewinnen, und der Verein gibt sich ein neues Grundgesetz. Was glauben Sie, wohin die Reise geht?

Auf jeden Fall muss es eine Reise sein, die in sportlichen Erfolg mündet. Abgesehen davon steht unser Verein sehr gut da: Wir haben unsere Mitgliederzahl in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt, es gibt trotz des Umzuges vom Wedding nach Westend ein reges Vereinsleben. Mittlerweile kümmern wir uns auf Wunsch vieler Fans um die Vergangenheit: Wir bauen ein Museum auf, Verein und unsere Stiftung initiieren soziale Projekte, und wir haben die Vereinsgeschichte zur Nazizeit ausgeleuchtet. Aber am Ende wird Hertha daran gemessen, welchen Platz wir in der Liga belegen.

Das eine ist, den Mitgliedern ein Zuhause zu bauen, das andere die Verankerung des Vereins in der Gesellschaft, in Berlin. Wo steht Hertha da heute?

Beim neuen Establishment der Stadt ist Hertha angekommen. Wir haben noch eine starke West-Lastigkeit in unserem Mitgliederverhältnis und bei den Fans, das ist historisch bedingt und lässt sich nicht schnell ändern. Nicht zufrieden bin ich mit der Identifizierung im früheren Ostteil der Stadt, während wir viele Fans in Brandenburg und im weiteren Umland gewinnen konnten. Ich vermute mal, dass wir ein, zwei Generationen brauchen, um auch die heutigen Kids aus dem ehemaligen Ostteil zu Hertha-Anhängern der Zukunft zu machen. Die älteren Generationen haben wir leider verloren.

Ist Hertha schon in der Mitte der Stadt Berlin angekommen?

Insgesamt ist es in dieser Stadt nicht ganz leicht, eine Identifikation zu erreichen, wie sie etwa Schalke, Dortmund oder der Hamburger SV erreicht haben. Wir tragen eine schwere historische Last: die Teilung der Stadt und hausgemachte Probleme wie den Bundesligaskandal. Trotzdem sind wir der mit Abstand größte und erfolgreichste Fußballverein Berlins und der Region. Identifikation und Image sind ein Prozess, der Zeit braucht.

Aber Hertha hatte doch viele gute Gelegenheiten: Mauerfall, Aufstieg in die Bundesliga, die Hauptstadtentscheidung. Warum wurde dieser Schwung nicht genutzt?

Ich glaube schon, dass wir viele Menschen gewonnen haben. Aber die Liebe zu einem Verein geht oft bis in die Kindheit zurück. Ich habe immer noch ein Herz für den VfB Oldenburg. So ähnlich ist das auch bei anderen, die in die Stadt gekommen sind. Wir haben über eine Million Neubürger, und viele kommen ja zu unseren Spielen. Nur geht der Schwabe eben besonders gern ins Olympiastadion, wenn der VfB Stuttgart spielt.

Wann kommen die Menschen wegen Hertha ins Stadion und nicht wegen des Gegners?

In dem Augenblick, in dem wir ganz oben mitspielen, werden alle zu uns kommen, die Spaß am Fußball haben. Mit jedem Stück mehr Erfolg werden wir auch die Neu-Berliner für uns gewinnen. Interessant ist für uns: Wie können wir daraus ein unverwechselbares Profil schaffen? Wir überlegen derzeit mit unserem Sponsor Nike, wie wir marketingmäßig eine neue Linie einschlagen könnten.

Wie könnte die aussehen?

Wir müssen uns viel stärker an dem orientieren, was Berlin heute darstellt: eine Stadt, die sehr jung ist, multikulturell; eine Stadt mit viel Kreativität, mit viel Aufbruch. Das sollten wir aufs Vereinsgeschehen übertragen. Mit unserer Jugendarbeit gelingt das schon sehr gut.

Viele Berliner Talente haben den Verein gerade verlassen. Spieler wie Kevin-Prince Boateng spielen jetzt woanders; Figuren, an denen man sich reiben konnte, die aber ein bisschen so waren wie Berlin, etwas unfertig, aber kreativ und frech.

Zum Teil liegt das an den Leuten selbst – sie waren 20 Jahre in Berlin und wollten mal was anderes sehen. Das kann ich verstehen, auch wenn die Art des Abgangs nicht in jedem Fall in Ordnung war. Es gab auch Berater, die viel Unruhe in ein intaktes Verhältnis gebracht haben. Zum Teil mag es daran liegen, dass wir die Identifizierung der Spieler mit Hertha nicht optimal entwickelt haben. Wir müssen bei den nachwachsenden Talenten stärker darauf achten, dass sie ihre Kreativität für Hertha einsetzen.

Im Augenblick wird das kreative Berlin im Olympiastadion von Frank Zander repräsentiert.

Das glaube ich nicht. Und hören Sie sich mal an, was beim HSV so vor dem Spiel gesungen wird – das geht von „Hamburg meine Perle“ bis „An der Nordseeküste“. Das sind Schunkellieder wie in jedem Stadion. Unser Problem ist, dass Hertha noch zu wenig für etwas steht.

Hertha steht momentan für Nichts.

Sie übertreiben maßlos. Wir gehören in der Bundesliga zu der Gruppe von Vereinen, die noch kein klares Profil haben. Aber damit sind wir nicht allein oder in schlechter Gesellschaft. Und noch einmal: Diese Diskussion bekommt einen ganz anderen Tenor, wenn wir sportlich wieder erfolgreich sind.

Was nicht so einfach wird...

Wir haben ein paar gute Jahre gehabt nach dem Aufstieg in die Bundesliga. Dass wir Stammgast im Europapokal waren, das vergessen viele leider schnell.

War es richtig von Manager Dieter Hoeneß, das Ziel auszugeben, in drei Jahren wieder in der Champions League zu spielen?

Warum nicht? Was soll denn bitteschön unser Ziel sein? Man kann darüber streiten, ob man das öffentlich ankündigt, aber das Ziel selbst muss sein. Der Zeitplan, den Dieter Hoeneß dazugelegt hat, ist sehr ambitioniert. Wir haben einen sehr guten Trainer an Bord und ein paar interessante Zukäufe getätigt. Leider können wir die Champions League nicht herbeireden; ich wüsste da keinen vernünftigen Zeitraum zu nennen.

Herr Schiphorst, Hertha sucht gerade einen neuen Präsidenten – mit größeren Machtbefugnissen und mit demokratischer Legitimation. Er wird nicht mehr vom Aufsichtsrat bestimmt, sondern von den Mitgliedern gewählt. Reizt Sie dieser Posten?

Natürlich, ich bin gerne Hertha-Präsident. Wenn ich die Dinge richtig deute, gibt es zwei heiße Anwärter: Werner Gegenbauer und mich. Wir haben uns allerdings vorgenommen, dass wir nicht gegeneinander kandidieren.

Warum lassen Sie den Mitgliedern nicht die Wahl?

Wir verstehen uns privat sehr gut und haben ein freundschaftliches Verhältnis. Das muss nicht belastet werden durch eine Kampfkandidatur. Wir streben beide eine Funktion bei Hertha an. Wer für was kandidiert, werden wir in einem Gespräch in den nächsten Tagen oder Wochen klären. Und es kann ja noch andere Gegenkandidaten geben.

Das Präsidium wird künftig zum mächtigsten Gremium bei Hertha werden. Was wird sich dadurch ändern?

Es ist klar, dass der Präsident wieder eine echte Nummer eins werden soll, was er im Nebeneinander mit Beteiligungsausschuss und Aufsichtsrat nicht mehr war. Mir hat diese Vermengung von Kontrolle und Exekutive, die wir derzeit noch haben, nie geschmeckt. Ich habe darüber vor vier Jahren eine Diskussion angestoßen, doch in den Gremien gab es enormen Gesprächsbedarf. Es ging sehr lebhaft zu. Deshalb hat es mit der neuen Satzung so lange gedauert.

Das neue Präsidium wird die Nachfolge von Manager Hoeneß zu regeln haben.

Dieter Hoeneß hat in der Mitgliederversammlung angekündigt, dass er 2010 aufhören wird. Aber hinter ihm sind wir gut aufgestellt – ich behaupte, besser als viele andere Bundesligisten. Hertha hat mindestens vier Leute, die mehr Verantwortung übernehmen können. Ich nenne da Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller, dessen Zukunft ja nicht unmittelbar mit Hoeneß verbunden ist. Wir haben Michael Preetz, der seine Ambitionen deutlich gemacht hat. Da ist Jochen Sauer, der als Assistent eng mit Hoeneß zusammenarbeitet, ein hervorragender Jurist und Sachkenner. Und es gibt Thomas Herrich, der früher bei Sportfive tätig war – auch wenn er öffentlich nicht so stark in Erscheinung tritt. Die stehen jetzt unter verschärfter Beobachtung, aber für eine Entscheidung bleibt noch viel Zeit. Druck kommt, wenn überhaupt, von außen.

Wird es zu einer klaren Trennung zwischen der Geschäftsführung der Kapitalgesellschaft und des sportlichen Managements kommen?

Es gibt die Möglichkeit, dass wir Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Dieter Hoeneß hat die Rolle des Vorsitzenden der Geschäftsführung sehr zupackend, sehr offensiv interpretiert. Daran hat ihn auch niemand gehindert.

Warum nicht?

Gegenfrage: Warum? Ein populärer Ex-Fußballer als Gesicht des Vereins, das hat doch etwas für sich. Ich komme ja aus dem Medienbereich, da gab es ähnliche Phänomene. Wenn ich mal an meine Zeit bei „Gruner + Jahr“ denke: Damals kannten alle Henri Nannen, den Chefredakteur des „Stern“. Aber keiner wusste, wer Chef von „Gruner + Jahr“ war. Mit uns ist das durchaus vergleichbar: Alle kennen Dieter Hoeneß, aber wenige wissen, wer die Gremien leitet und am Ende die wirtschaftlichen Entscheidungen fällen muss.

Dieter Hoeneß mag bekannt sein, beliebt ist er offenbar nicht.

Woher wissen Sie das? Und übrigens: Beliebt war Henri Nannen nicht, der hat ganz stark polarisiert, aber erfolgreich.

Auf den Mitgliederversammlungen gibt es immer wieder Kritik an Hoeneß, und bei der jüngsten Leserumfrage des „Kicker“ mit mehr als 20 000 Teilnehmern schnitt Herthas Geschäftsführung als schlechteste von 18 Bundesligisten ab.

Ich will die Umfrage nicht kommentieren, ich weiß nicht, wie sie zustande gekommen ist. Nur so viel: Intern hat es diese Debatten nicht gegeben. Hertha wird kollegialer geführt, als es den Anschein hat.

Und was wäre, wenn Hertha abstiege?

Das halte ich nicht für möglich; ich glaube nicht, dass wir in der Rückrunde ernsthaft in Gefahr geraten. Aber ungewöhnliche Situationen würden ungewöhnliche Maßnahmen erfordern, klar.

Das Gespräch führten Sven Goldmann, Robert Ide und Michael Rosentritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar