Sport : Hertha BSC: "Ich gehe auch in die Zweite Liga"

Herr Röber[noch sind Sie der wichtigste Mann]

Jürgen Röber (48) arbeitet seit 1996 als Trainer bei Hertha BSC. Der frühere Bundesligaspieler (Bremen, Bayern München, Leverkusen) führte die Berliner aus der Zweiten Liga bis in die Champions League. Nach dieser Saison wird er Hertha verlassen.

Herr Röber, noch sind Sie der wichtigste Mann in Berlin nach Klaus Wowereit ...

meinen Sie wirklich, der Regierende Bürgermeister ist so wichtig?

Dann kann er es eben werden. Sie müssen Berlin bald verlassen. Ist auch das gut so?

Das hat mich bisher keiner gefragt, seit bekannt gegeben wurde, dass sich die Wege von Hertha und mir trennen werden. Ich tue mich schwer, Berlin und seine Menschen zu verlassen. Ich lebe und atme diese Stadt.

Der Regierende Bürgermeister musste die PDS schlucken. Zu wie viel wären Sie bereit gewesen, um bleiben zu dürfen?

Zum Thema Fotostrecke I: Bilder der Saison 01/02
Fotostrecke II: Hertha Backstage Was heißt schlucken? Ich musste vom ersten Tag an Kritik einstecken in dieser Stadt, trotz der ganzen Aufbauarbeit, des Aufstiegs in die Bundesliga und des Erreichens der Champions League. Ich werde hier etwas hinterlassen, wenn ich gehe. Der Stadt, die mich geprägt hat, habe ich gegeben, was ich konnte. Ich bin mit ihr gewachsen.

Offenbar reicht das dem Verein nicht mehr. Mehr wird Ihnen nicht zugetraut. Empfinden Sie sich als gescheitert?

Nein, warum? Ich bin seit über sechs Jahren Trainer eines aufstrebenden Vereins. In jeder Stadt ist es schwer, sich so lange zu halten. In Berlin erst recht. Sie werden es sehen.

Was empfinden Sie, wenn Sie heute auf dem Trainingsplatz stehen und Ihren Spielern zuschauen?

Natürlich kommen immer mal kurz komische Gedanken auf. Wir haben gerade das 13. gemeinsame Trainingslager absolviert. 13 - verstehen Sie? Das kann doch niemand abstreifen.

Würden Sie sich als wehmütigen Menschen bezeichnen?

Eigentlich bin ich gar nicht dieser Typ. Nach dem Sieg über Leverkusen habe ich auf dem Spielfeld geweint - soll ich mich dafür schämen? Deshalb muss ich nicht jeden Tag heulend durch die Stadt laufen.

Die Entscheidung zur Trennung trafen Sie und Manager Hoeneß im Oktober. Danach blieb die Mannschaft in der Bundesliga neunmal in Folge ungeschlagen.

Damals habe ich Dieter gesagt: Wenn du meinst, trennen wir uns sofort. Ich war für Momente so weit. Aber da gibt es noch die andere Seite in mir, die sagt: nein, nicht jetzt, nicht so; jetzt erst recht. Dieter dachte genauso. Daher haben wir uns zwar für die Trennung entschieden, aber nicht vor Saisonende.

Egal, was passiert?

Was soll denn passieren, was ich hier noch nicht erlebt habe?

Etwa, dass die Mannschaft unter Ihnen alle noch ausstehenden 16 Saisonspiele gewinnt ...

und wir noch Meister werden? Zugegeben, das wäre pikant. Aber auch dann bliebe es bei unserer Entscheidung.

Und was ist, wenn es nun gar nicht gut läuft?

Das kenne ich. Wir haben so ziemlich alles durchgespielt, was passieren könnte, wie auch immer dieses Thema gespielt werden würde. Wir haben uns so entschieden. Und das ist auch gut so.

Dieter Hoeneß sagte damals, eine Trennung zum Saisonende sei für beide Seiten das Beste. Ist das für Sie wirklich das Beste?

In Berlin wird man an der Meisterschaft gemessen. Vielleicht ist es wirklich das Beste, wenn das ein anderer versucht. Es ist doch so: Nach dem Champions-League-Jahr wurde intern wie öffentlich gefragt, wie weit man mit diesem Trainer kommen kann. Sie hätten mal fragen sollen, wie weit man mit dieser Mannschaft kommen kann.

Rund um die Bekanntgabe der Trennung wurde viel über Anstand und Mitgefühl geredet. Wenn man das in aller Öffentlichkeit tut, ist es damit meistens nicht sehr weit her.

Das sehe ich anders. Ich glaube, dass der Entschluss für Dieter Hoeneß auch nicht so einfach war. 1980 haben wir beide beim FC Bayern gespielt. Er ist später nach Stuttgart gegangen und hat mich als Trainer nachgeholt. Dort sind wir am selben Tag entlassen worden. Ich bin nach Berlin gegangen und habe quasi den Dieter nachgeholt. Wir sind beide mit unseren Aufgaben gewachsen. Ich sehe unser Verhältnis als positiv und erfolgreich an. Vielleicht ging in dieser Stadt manches einfach zu schnell. Für beide.

Vor zwei Wochen wurde in Berlin bereits Ihr Nachfolger Huub Stevens vorgestellt. Wie lange vorher wussten Sie davon?

Lange genug.

Auch schon, als Hertha im Dezember auf Schalke spielte?

Auch wenn alle das Gegenteil behaupten: Dass da was läuft, wusste ich. In unserer Branche gibt es kaum noch Geheimnisse.

Während der vielen Siege im Herbst werden Sie doch aber ins Grübeln gekommen sein, ob die Entscheidung noch die richtige ist. Am Ende wollten Sie vielleicht von dieser Entscheidung gar nichts mehr wissen?

Ich hab ja schon zum Bernd Storck gesagt, meinem Kotrainer: Du Bernd, was machen wir, wenn sie jetzt mit einem neuen Zweijahresvertrag kommen.

Und, was hätten Sie gemacht?

Ehrlich?

Warum nicht.

Wir hätten uns gefreut - und wahrscheinlich abgesagt. Auf der einen Seite hänge ich an diesem Verein, da steckt meine Arbeit drin. Die anderen 50 Prozent sind von der Vernunft geprägt, Hertha zu verlassen. Die Kritik wäre immer wieder gekommen. Vor vier Jahren hatte ich noch Angst vor einer solchen Entscheidung. Wir haben diese Phasen überstanden. Es waren jedes Mal Kraftakte. Man weiß nie, ob man es noch einmal schafft. Bisher haben wir immer die Kurve gekriegt, aber noch ist ja nicht Schluss.

Spüren Sie, dass sich die Mannschaft Ihnen gegenüber neuerdings anders verhält?

Ja, und zwar positiv. Was sie zuletzt geleistet hat, wie sich jeder gequält hat gegen die Bayern oder gegen Leverkusen, das war enorm.

Das heißt, dass es nicht immer so war?

Es gab immer Spieler, die die Entschuldigungen beim Trainer gesucht haben. Aber die Burschen haben sich entwickelt - Respekt.

Haben Sie das Gefühl, dass man es Ihnen besonders recht, besonders schön machen will?

In erster Linie will jeder im Verein Erfolg haben. Wir wollen die Arbeit erfolgreich beenden. Vielleicht setzt das noch ein paar Prozente frei.

Sie sind, nach Ottmar Hitzfeld, der erfolgreichste Bundesligatrainer der vergangenen vier Jahre. Und doch hat sich noch kein großer Verein gemeldet.

Wie soll denn das gehen? Soll mich jetzt Borussia Dortmund anrufen und sagen, wir wollen dich haben? Das war mal. Jetzt sind sie doch gut besetzt. Wie alle anderen da oben auch. Wichtig ist, dass man weiß, dass ich langfristig Leistung abliefern kann. Das schätzt man außerhalb von Berlin noch eher. Im Übrigen mache ich mir noch keine Gedanken darüber. Ich werde auch nicht ab sofort auf irgendwelchen Tribünen rumhängen. Ein großer Trainer hat mir mal gesagt: Du musst warten können.

Und, können Sie warten?

Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich zu einem Klub gehen, wo schon etwas Ähnliches vorhanden ist, oder ich übernehme noch einmal eine solche Aufgabe wie bei Hertha BSC- damals, in der Zweiten Liga.

Diesen Abstieg würden Sie sich zumuten?

Ich hätte kein Problem damit. Ich gehe auch in die Zweite Liga - aber nur dann, wenn die Perspektive stimmt. Ich bin auch als Spieler nie den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Mein ganzes Leben ist anders verlaufen, angefangen mit der Flucht aus der DDR, dann im Lager, die harte Erziehung meiner Eltern. Als Spieler habe ich in Bremen sechs Jahre gegen den Abstieg gekämpft. Woanders wäre ich Nationalspieler geworden. Verstehen Sie das jetzt bitte nicht als Jammerei.

Also anders herum: Sie wollen es allen noch einmal zeigen?

Quatsch, diese Denke habe ich nicht. Ich mache das nicht, um irgendjemandem etwas beweisen zu wollen. Man verliert dabei zu viel Kraft. Vielleicht hatte meine ehemalige Frau ja auch Recht. Die hat immer gesagt, dass ich zu gutmütig bin. Ich denke nun mal positiv. Ich glaube nicht, dass mich einer übers Ohr hauen will. Wissen Sie, was ich glaube? Jeder hat seine Bestimmung.

Und was rät Ihnen Ihre jetzige Frau?

Sie legt mir bestimmte medizinische Untersuchungen ans Herz. Aber auch ihr brauche ich nichts zu beweisen.

Und was, wenn sich am Ende gar kein Verein meldet?

Keine Angst, es gibt noch Herausforderungen. Wenn ich mir nur überlege, wo werde ich wohl im nächsten Jahr sitzen? Wie wird die neue Mannschaft aussehen? Aber mich treibt keiner. Ein Freund aus Berlin will mich seit langem mal mit zu den Australian Open nehmen. Nebenbei ein bisschen Golf spielen oder mal im März in Skiurlaub fahren - keine unangenehme Vorstellung.

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