Hertha BSC im Abstiegskampf : Die Krise hat eine Vorgeschichte

Herthas Verwicklung in den Abstiegskampf weckt ungute Erinnerungen - und die restlichen Gegner der Hinrunde verheißen mehr als ungemütliche Wochen für die Mannschaft von Jos Luhukay.

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Individualist gegen Team. Den Hannoveranern hatten Ronny und Hertha BSC am Freitag wenig entgegenzusetzen.
Individualist gegen Team. Den Hannoveranern hatten Ronny und Hertha BSC am Freitag wenig entgegenzusetzen.Foto: imago

John Heitinga verfügt im Englischen seit seinen Engagements in Everton und Fulham über einen durchaus belastbaren Wortschatz; und trotzdem beschränkte sich seine Analyse des Bundesligaspiels zwischen Hertha BSC und Hannover 96 im Grunde auf ein einziges Four-Letter-Word. Der Zeitpunkt des ersten Gegentors, die 0:2-Niederlage, Herthas Gesamtsituation: Shit. Shit. Shit. Ja, die Lage ist ernst und auch ziemlich kompliziert, aber viel besser und vor allem prägnanter als mit diesen vier Buchstaben lässt sie sich eigentlich nicht zusammenfassen. Oder im ganzen Satz: Hertha ist zurück im Abstiegskampf.

Durch die Niederlage gegen Hannover hat die Saison für die Berliner erste klare Konturen bekommen. Bisher war sie noch irgendwie unentschieden. Hertha wahrte in etwa die gleiche Distanz zur Spitzengruppe wie zur Abstiegszone, mit ein paar schnellen Schritten hätte sich das Mittelfeld noch locker überbrücken lassen. Diese Chance aber hat Hertha am Freitag fürs Erste verspielt. Das 0:2 war die dritte Pflichtspielniederlage hintereinander – und beim Blick auf das Programm bis zum Jahresende muss man keine Unke sein, um den Berliner Fußballern ein paar ungemütliche Wochen zu prognostizieren.

Die letzte Überzeugung fehlt

In der Hinrunde bekommt es Hertha im eigenen Stadion noch mit Bayern, Dortmund und Hoffenheim zu tun; auswärts heißen die Gegner Köln, Gladbach und Frankfurt. „Wir träumen nicht, wir sind nicht blauäugig“, sagt Trainer Jos Luhukay. „Das ist eine schwierige Situation. Aber alles muss erst einmal gespielt werden, bevor man verurteilt wird.“ Doch selbst die größten Optimisten dürften Schwierigkeiten haben, sich Hertha zur Winterpause jenseits der magischen 20-Punkte-Marke vorzustellen.

Nach den jüngsten Auftritten muss man eher Zweifel haben, ob Herthas Mannschaft in ihrer aktuellen Verfassung zum Abstiegskampf fähig ist. Am Freitag lag die Quote gewonnener Zweikämpfe erneut nur bei 40 Prozent. Trotzdem bescheinigte Luhukay seinem Team einen großen Willen, „aber wir haben nicht die letzte Überzeugung an den Tag legen können“. Die Ostwestfalen-Depression hielt auch gegen Hannover an. Wie schon gegen den Drittligisten Bielefeld im Pokal und gegen den Aufsteiger Paderborn blieben die Berliner erneut ohne Tor. Beim Versuch, das 0:1 aufzuholen, gelang ihnen nach der Pause kein einziger seriöser Torschuss.

Gedanken an den Abstiegskampf

Wieder einmal offenbarte die Mannschaft eine erschreckende spielerische Armut. Ein strukturierter Aufbau fand nicht statt, der Ball flog meist hoch und weit durch die Berliner Luft. Gerade im Mittelfeld fehlt eine ordnende Hand, eine tiefere Idee ist nicht zu erkennen. Natürlich leidet Hertha unter dem Ausfall von Tolga Cigerci, der bis zum Ende des Jahres ebenso wenig zurückkehren wird wie Alexander Baumjohann und Sebastian Langkamp. Eine lange Pause droht auch Kapitän Fabian Lustenberger, der sich am Freitag eine Muskelverletzung im Adduktorenbereich zugezogen hat. Genaueren Aufschluss wird erst eine MRT-Untersuchung zu Beginn der Woche bringen.

All das weckt bei Hertha ungute Erinnerungen, selbst Luhukay verweist darauf, dass es „eine Vorgeschichte aus den letzten Jahren“ gibt, die vor allem den Fans nun wieder durch den Kopf spukt. Einen erfolgreichen Abstiegskampf haben die Berliner zuletzt in der Saison 2003/04 unter Trainer Hans Meyer erlebt. 2010 und 2012 vermochten die Spieler, diverse Trainer und die Vereinsführung den Absturz nicht zu stoppen. „Ich persönlich kenne mich mit der Situation aus“, sagt Luhukay. Auch deshalb weiß er, was die Mannschaft jetzt braucht: keine Horrorszenarien, sondern Zuversicht. „Wir denken nicht über die Zweite Liga nach“, sagt Jos Luhukay. „Wir müssen versuchen, unsere eigenen Gedanken positiv zu beeinflussen.“ Die Frage ist nur: womit?

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