Hertha BSC im Trainingslager in Schladming : Urlaub mit der Tante

Der harte Fankern von Hertha BSC reist traditionell mit ins Trainingslager. In Schladming sind derzeit so ziemlich alle Lebensmodelle und Altersklassen im blau-weißen Trikot vertreten. Natürlich auch Opa.

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Die Treuen reisen mit. Fans von Hertha auf der Tribüne von Schladming.
Die Treuen reisen mit. Fans von Hertha auf der Tribüne von Schladming.Foto: Imago

Opa heißt eigentlich Sebastian und ist gar nicht alt, 42 Jahre, um genau zu sein. Aber hier im Trainingslager in Schladming und auch zu Hause in Berlin kennt ihn der harte Kern der Fans von Hertha BSC ohnehin nur unter seinem Pseudonym. Als „Opa“ schreibt er auch in einschlägigen Internetportalen wie „Hertha Inside“ und ist so auch in den sozialen Netzwerken zu finden. Deshalb will er so auch in dieser Zeitung genannt werden. Die Mutter aller Fragen beantwortet Opa mit Hilfe des Ausschlussprinzips: Wie ist er Hertha-Fan geworden?

„In den Achtzigern hatte man in West-Berlin keine große Wahl“, sagt Opa, geboren in Neukölln und heute Mitarbeiter eines Logistikunternehmens, „die meisten in der Schule waren Fans der Bayern oder des HSV – das wollte ich beides nicht.“ In seiner Familie sei Fußball ohnehin als Proletensport verstanden worden, deshalb musste er sich bis zum ersten Besuch im Olympiastadion ein wenig länger gedulden als seine Freunde. „Aber als ich dann erstmal da war… Gänsehaut!“, sagt Opa. Seine Augen funkeln bei diesem Satz wie bei jedem leidenschaftlichen Fußballfan, der an das erste Mal zurückdenkt. Damals, 1983. Seitdem ist er dabei. „Man wechselt im Laufe des Lebens ja auch nicht die Religion.“

„In der Fußball-Pause drei Monate ohne Hertha?“

Deshalb ist Opa, abgesehen von ganz dunklen Oberliga-Zeiten, immer aktiver Hertha-Fan geblieben. Er fährt seit Jahren mit ins Trainingslager, Sommer wie Winter, Champions League oder Zweite Liga, Jacke wie Hose. Dauerkarte oder Auswärtsabo? Was für eine Frage! Logisch, dass er auch diesmal wieder dabei ist, genau wie geschätzte 200 andere Fans, die ihren Urlaub in der Steiermark mit der Leidenschaft für Fußball veredeln. Oder eben umgekehrt.

„In der Fußball-Pause drei Monate ohne Hertha?“, fragt Opa rhetorisch, „das hält man als echter Fan einfach nicht aus.“ Die anderen vier aus seiner fünfköpfigen Reisegruppe sehen das ähnlich und nicken zustimmend. Drei von ihnen sind mit dem Motorrad nach Österreich angereist, damit sie auch ein wenig die wunderbare Gegend erkunden können. Am Donnerstag etwa, als Herthas Profis den ersten freien Nachmittag des Trainingslagers mit einer Rafting-Tour füllten, machten sich Opa und Anhang auf zum Dachstein, dem Hauptgipfel des Dachsteinmassivs in knapp 3000 Meter Höhe. Und abends? „Da philosophieren wir bei geistigen Getränken“, sagt Opa. Der Haselnussbrand in einem Gasthaus in der Fußgängerzone sei im Übrigen sehr zu empfehlen, ergänzt er. Außerdem möchte ja noch der tagtägliche Reisebericht in Form eines Blogs vorbereitet werden.

Opa ist kein Hurra-Mensch, dafür war es zuletzt zu holprig

Natürlich gibt es in Opas sozialem Umfeld aber auch Menschen, die immer wieder Unverständnis für seine Freizeitgestaltung äußern, aber das ist ihm ehrlich gesagt ziemlich egal. „Ist doch mein Urlaub“, sagt er, „im Trainingslager treffe ich 200 Gleichgesinnte, die eine Sache verbindet: Hertha BSC. Das ist wie eine Familie: groß und bunt.“ Tatsächlich sind unter den Mitgereisten im blau-weißen Trikot so ziemlich alle Lebensmodelle und Altersklassen vertreten, vom Junggesellen über Pärchen und Ehepaare bis hin zu Familien. Sie wissen vor allem den Vorzug zu schätzen, tagtäglich so nah an die Mannschaft und den Betreuerstab heranzukommen wie es sonst womöglich nur noch im Amateurfußball möglich ist. Eine Beobachtung aus der Trainingseinheit hier, ein Schwätzchen da, dazu noch ein paar Autogramme. Bei den besonders Beharrlichen passt zur Halbzeit des Trainingslagers kaum noch ein Name auf das Trikot, selbst wenn der Besitzer die XXL-Version trägt. „Viel mehr erwarte ich auch gar nicht“, sagt Opa.

Unter sportlichen Gesichtspunkten gilt das nicht uneingeschränkt. „Wie man die Arbeit der Vereinsführung beurteilt, kann man in diversen Foren und Blogs nachlesen, unter anderem in meinem“, sagt Opa und lacht. Da kommt vor allem die sportliche Leitung selten gut weg. „Ich bin jetzt nicht der Hurra-Mensch, dafür waren die letzten Jahre einfach zu holprig“, sagt Opa, „andererseits will ich diesen Job auch nicht unbedingt machen.“ Dann doch lieber nur mitfahren, beobachten und abends in vertrauter Runde mehr oder weniger gehaltvolles Zeugs reden.

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