Hertha BSC in der Krise : Ach, wenn doch schon Weltmeisterschaft wäre

Die schwache Rückrunde droht bei Hertha BSC alles zu überlagern – sie frustriert und nervt nur noch.

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Wer sind wir? Sandro Wagner kritisiert die Einstellung. Foto: Imago
Wer sind wir? Sandro Wagner kritisiert die Einstellung. Foto: ImagoFoto: Imago

Als auch das ungefähr 57. und letzte Interview mit asiatischem Langmut gegeben war, musste Hajime Hosogai auf dem Weg in die Kabine noch ein letztes Hindernis überwinden. Rudi Völler, der Sportdirektor von Bayer Leverkusen, passte den Japaner ab und drückte ihn kurz an seine Brust. „Viel Glück bei der Weltmeisterschaft“, wünschte Völler dem Mittelfeldspieler von Hertha BSC. Aber Hosogai verstand nicht. Völler hob den Daumen, Hosogai lächelte und verschwand.

Ach, wenn doch schon Weltmeisterschaft wäre – dann hätte diese Saison für Hertha BSC endlich ein Ende. Die Berliner hätten vermutlich nichts dagegen, wenn die Spielzeit so schnell wie möglich vorbei wäre. „Langsam nervt’s“, sagte Herthas Stürmer Sandro Wagner nach der 1:2-Niederlage in Leverkusen.

So überraschend gut, wie die Saison für den Aufsteiger in die Bundesliga begonnen hat, so überraschend schlecht trudelt Hertha jetzt deren Ende entgegen. Seit nunmehr acht Spielen ist die Mannschaft ohne Sieg, fünf dieser acht Spiele gingen verloren. „Wir müssen sehen, dass wir uns gut verabschieden aus der Saison“, sagte Wagner.

Hertha BSC ist die schlechteste Mannschaft 2014

Man kennt solche Sätze von Mannschaften, die im Abstiegskampf bereits hoffnungslos abgeschlagen sind und nichts mehr zu gewinnen haben. Dass in der Stadt vor gar nicht allzu langer Zeit vom Europapokal geredet wurde, dass Spieler und Trainer zumindest still davon geträumt hatten, das vermag man sich gar nicht mehr vorzustellen. Seit dem Wochenende ist Hertha mit nur neun Punkten aus 13 Rückrundenspielen die schlechteste Mannschaft des Jahres 2014. Schlechter als der 1. FC Nürnberg, schlechter als der HSV und schlechter als Eintracht Braunschweig.

„Wir haben uns in der Hinrunde viel Anerkennung erspielt“, sagte Innenverteidiger Sebastian Langkamp. „Umso ärgerlicher ist es, dass die jetzt leidet.“ Die blamable Rückserie überlagert immer mehr die erfolgreiche Hinserie. Dass die Berliner ihr Saisonziel, den Verbleib in der Bundesliga, früh und letztlich souverän erreicht haben, wird angesichts der aktuellen Entwicklung schon gar nicht mehr ausreichend gewürdigt. Und welche Spätfolgen der Absturz haben wird, ist noch nicht absehbar. Vor einem Jahr sind die Berliner mit der Euphorie des überzeugenden Aufstiegs in die Saison gestartet; in diesem Sommer könnten sie nach den demoralisierenden Erfahrungen des Frühjahrs eher von dem Gedanken geplagt werden, ob die Qualität wirklich reicht.

Trainer Jos Luhukay ist frustriert

Trainer Jos Luhukay empfindet die Situation inzwischen als „total frustrierend“. Wahrscheinlich auch, weil sich alle seine Gegenmaßnahmen bisher als unwirksam erwiesen haben. Die Fehler und Unzulänglichkeiten wiederholen sich in schöner Regelmäßigkeit. Das 0:2 in Leverkusen wirkte wie eine Zusammenfassung der Rückrunde in hochkonzentrierter Form. Vorne landete ein abgefälschter Fernschuss von Änis Ben-Hatira an der Latte des Leverkusener Tores; aus dem folgenden Konter resultierte Bayers zweiter Treffer, weil sich bei Hertha niemand für konsequente Verteidigung begeistern konnte. „Es fehlt ein Stück Ernsthaftigkeit“, sagte Luhukay.

Auch an Struktur mangelt es Herthas Spiel. Von der Klarheit, mit der die Berliner in der Hinrunde ihren Konterfußball vortrugen, ist nichts mehr zu sehen. In den jüngsten beiden Begegnungen, gegen Hoffenheim und in Leverkusen, brachten die Berliner kaum mal einen zusammenhängenden Angriff aufs Feld. Die Mannschaft wirkt inzwischen ein bisschen ratlos. „Wir wissen’s selber nicht“, sagte Sandro Wagner zu den Gründen des Verfalls.

Jos Luhukay hat einiges versucht, aber seine personellen Veränderungen verpuffen ohne Erfolg – weil der Kader längst an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist. Gegen Hoffenheim nahm Herthas Trainer den jungen John Anthony Brooks zum wiederholten Male früh vom Feld, weil der durchaus talentierte Innenverteidiger seine nonchalante Art nicht unter Kontrolle bekommt. Sein Vertreter Lewan Kobiaschwili aber wirkte gegen Leverkusen wie ein Gegenentwurf zu Brooks: schläfrig und immer schön weit weg von der Gefahrenzone. Johannes van den Bergh, der gegen Hoffenheim auf der Bank gesessen hatte, kehrte am Sonntag in die Startelf zurück und verlor vor dem 0:1 auf seiner linken Abwehrseite das entscheidende Laufduell gegen Giulio Donati. Auf genau die gleiche Weise war drei Wochen zuvor auch gegen Borussia Mönchengladbach das 0:1 entstanden. Lernerfolge sehen anders aus.

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