Sport : Hertha BSC - Inter Mailand: Vieri läuft dem Fluch davon

Werner Raith

Christian Vieri schießt für sein Leben gerne Tore. Wenn er mal nicht Fußball spielt, dann gefällt sich der Stürmer des FC Internazionale aus Mailand im Erzählen mystisch angehauchter Geschichten. Da ist zum Beispiel die vom "Bann der bösen Alten" (Vieri), einer Wahrsagerin, von der er sich seit Jahren mit düsteren Prophezeiungen verfolgt fühlt. "Im vorigen Jahr hat sie mir vorausgesagt, dass ich eine lange Zeit Übel erleiden werde, die durch meine Angst verursacht seien." Darauf habe er ihr angedroht, sie irgendwo in die Tiefe zu stürzen - doch prompt habe sich die Weissagung erfüllt. Sieben Monate musste Vieri verletzt zuschauen, wie sein Verein bis auf Platz zwölf in der Seria A stürzte. Dann aber kam der 18. November 2000 und mit ihm der 2:1-Sieg in Perugia. Schütze des Siegtores: Christian Vieri. "Nach diesem Tor", sagt der Nationalspieler, "ist der Bann gebrochen."

Das ist schön für Christian Vieri - und schlecht für Hertha BSC. Heute tritt Inter Mailand zum Hinspiel der dritten Runde des Uefa-Cups im Berliner Olympiastadion an (18 Uhr, live in der ARD). Obwohl Vieri den Gegner nur vom Hörensagen kennt und er heute nicht zur Startformation zählen wird, hat er schon mal angekündigt: "Ich schieße die Berliner aus dem Uefa-Cup!"

Das sind bemerkenswerte Worte für den Repräsentanten eines Vereins, der seine Favoritenrolle vor allem aus seiner glorreichen Vergangenheit bezieht und in der Gegenwart mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Das 2:1 in Perugia war erst der dritte Saisonsieg im siebten Spiel. Inter rangiert in der Seria A zwar einen Platz vor dem Lokalrivalen AC Milan, aber eben doch nur auf Platz zehn. Das ist zu wenig für eine Mannschaft, die in den vergangenen fünf Jahren allein 245 Millionen Mark in zehn neue Stürmer investiert hat. Die beiden prominentesten haben zuletzt fast immer auf der Tribüne gesessen. Beim Brasilianer Ronaldo funktionierte das überstrapazierte Knie nicht mehr, Vieri quälte sich mit einer schweren Oberschenkelverletzung.

Ausgerechnet Christian Vieri, der teuerste Mann, der je in Italien den Verein gewechselt hat. 90 Millionen Mark hat Inters Präsident Massimo Moratti vor eineinhalb Jahren an Lazio Rom überwiesen. Die Investition schien sich zu lohnen. Vor seiner Verletzung hatte der bullige Stürmer in 19 Spielen 13 Mal für Inter getroffen - das ist für italienische Verhältnisse eine fast schon inflationäre Quote.

Ronaldo, der nur 53 Millionen kostete, schaut immer noch zu. Und auch Vieris Leidenszeit zog sich in die Länge. Den ganzen Frühling und den ganzen Sommer über musste er zuschauen. Das Finale der Italienischen Meisterschaft fand ebenso ohne Christian Vieri statt wie die Europameisterschaft in Holland und Belgien. Erst der in Italien nicht sonderlich geschätzte Herbst brachte die Erlösung. Christian Vieri ist wieder da und mit ihm die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Inter. Da reicht Trainer Marco Tardelli schon der Sieg beim Provinzverein Perugia für die Feststellung, "dass wir wieder voll im Spiel sind".

Für Christian Vieri gilt das noch nicht. In Perugia durfte er zum ersten Mal eine Halbzeit (die zweite) durchspielen, auch heute wird er zunächst auf der Bank sitzen. "Er wird aber eine längere Einsatzchance erhalten", kündigt Tardelli an. Vorbeugend hat Christian Vieri die Mailänder Tifosi schon mal darum gebeten, das zarte Pflänzlein Hoffnung nicht gleich wieder zu zertrampeln: "Lasst mich erst mal meine Freude genießen und nehmt diesen unerträglichen Druck von uns, mit dem ihr uns beinahe erwürgt hättet."

Trainer Tardelli denkt seit dem Abpfiff der Partie in Perugia ohnehin nur noch an den Auftritt in Berlin. Aber auch im Uefa-Cup ist wenigstens schon ein wenig Druck von der Mannschaft gewichen. Für den Fall eines Scheiterns wüsste sich der FC Internazionale in guter Gesellschaft: Nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Juventus Turin aus allen europäischen Pokalrunden kann die Italiener kaum mehr etwas erschüttern.

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