Sport : Hertha BSC: Interview: "Mentale Stärke ist ein trainierbarer Muskel"

Sie sind gerade offiziell als Mentaltrainer bei He

Gerd Driehorst (39) studierte Pädagogik und Theologie. Der promovierte Sprachwissenschaftler arbeitet als Mentaltrainer bei Hertha BSC.

Sie sind gerade offiziell als Mentaltrainer bei Hertha BSC vorgestellt worden. War es einfach nicht mehr geheim zu halten?

Was heißt geheim? Ich arbeite seit einigen Jahren mit einigen Spielen von Hertha BSC zusammen. Und: Ganz so neu ist das mentale Training ja nicht.

Zum Beispiel ...

Denken Sie an Sepp Herberger. Ihm eilte der Ruf voraus, ein großer Psychologe zu sein. Und das war er auch.

Und weil es heute keinen Herberger mehr gibt unter den Trainern, werden Spezialisten wie Sie herangezogen?

Beide Zeiten sind nicht miteinander vergleichbar. "Elf Freunde müsst ihr sein" - davon kann heute nicht mehr die Rede sein. Die Zahl der Spieler hat sich erhöht, der öffentliche Druck auch. Die Aufgaben werden heute auf viele Schultern verteilt. Die Hierarchien werden flacher, aber das Sagen hat immer noch der Trainer.

Warum braucht denn ein Fußballverein einen Mentaltrainer?

Mentale Stärke ist ein Mosaikstein in einer Reihe von Dingen, die zusammengelegt den Erfolg ausmachen. Sie ist nicht das Wichtigste, kann aber den Unterschied ausmachen.

Was genau ist mentale Stärke?

Es geht darum, in einer Stressphase das ganze Können abrufen zu können. Wir nennen das den idealen Leistungszustand. Diesen zu erreichen, kann man trainieren.

Sie sprechen bewusst von trainieren, nicht von therapieren?

Genau. Wir reden keinen stark, das macht der Spieler selbst. Wir gehen auch nicht in die Vergangenheit des Einzelnen zurück. Sie müssen sich das vielmehr wie einen Muskel vorstellen, der immer wieder trainiert werden muss. Zu vergleichen ist das mit Autofahren lernen. Bestimmte Abläufe müssen automatisiert werden.

Ist mentale Stärke messbar?

Nein, aber zum Teil sichtbar. Im Mittelpunkt stehen Emotionen, und die sind meist sichtbar. Wenn Boris Becker wütend war, hat er den Schläger weggeworfen. Blieb er zu lange in dieser Phase, verlor er zu 80 Prozent das Match. Becker hatte es aber gelernt, die emotionale Regung in eine Herausforderung umzumünzen.

Das heißt, Sie konstruieren eine Art gedankliches Geländer, an dem sich der Spieler auf dem Platz orientieren, wie er seine Emotionen kanalisieren kann.

In gewisser Weise, ja. Es geht beispielsweise darum, wie ein Spieler auf dem Platz mit einer Entscheidung des Schiedsrichters umgeht, die er subjektiv für falsch hält. Es reicht nicht zu sagen: Bleib jetzt ganz ruhig. Einem Sportler wie Oliver Kahn hat das nie gereicht. Er hat immer wieder betont, dass er nicht nur körperlich hart trainiert, sondern auch etwas im mentalen Bereich tut.

Seitdem beißt er auch nicht mehr gegnerische Spieler oder springt sie an.

Er hat es gelernt, diesen Stress als Herausforderung anzunehmen.

Mental starke Spieler machen also weniger Fehler und reagieren beherrschter?

Das Entscheidende ist nicht, dass es zu solchen Ausbrüchen kommt, sondern, dass ich möglichst schnell die Balance wieder finde. Da setzen wir an. Wir helfen den Spielern, die Fähigkeit zu trainieren, ihre Emotionen auf dem Platz in den Griff zu kriegen. Fehler werden immer wieder passieren. Aber wenn ein Spieler einen Fehler macht, dann darf er nicht gleich den Weltuntergang prognostizieren.

Freiburgs Trainer Finke hat kürzlich vor Scharlatanerie in Ihrer Branche gewarnt.

Ich habe davon gehört. Er hat auch gesagt, dass man aus Hühnern keine Adler machen kann. Das stimmt. Aber man kann aus guten Fußballern sehr gute machen.

Sie sehen sich also nicht als ein Motivationskünstler?

Um Gottes willen, nein. Wir machen hier keinen Hokuspokus, wir arbeiten nicht mit Tricks. Wir machen Training. In Form von Einzelgesprächen. Bei mir läuft auch niemand über Glasscherben. Es ist doch auch nicht damit getan, dass da mal einer für vier Stunden kommt und irgendwas vom positiven Denken erzählt. Damit ist es nicht getan.

Waren die Spieler nicht misstrauisch?

Das ist nicht das richtige Wort. Ich war jetzt das erstmals im Trainingslager. Dabei habe ich mich nicht aufgedrängt. Vielmehr haben es Spieler gewünscht, mit denen ich nicht zusammenarbeite.

Warum?

Viele Spieler sind bereit, sich zu öffnen. Ich glaube, sie sind froh, wenn sie einen Ansprechpartner haben, der sich intensiv mit ihnen auseinandersetzt.

Wann sprechen Sie denn mit den Spielern?

Das ist unterschiedlich. Es ist von Vorteil, dass ein Sportler recht schnell nach dem Wettkampf seine Tanks wieder auffüllt. Das betrifft nicht nur die Physis. Einige möchten gern über das eine oder andere reden, was im Spiel passierte.

Wie kann man denn mentale Stärke trainieren?

Im Kern geht es um wenige Punkte. Da haben wir die Körpersprache. Zwischen ihr und der inneren Befindlichkeit eines Menschen gibt es einen wesentlichen Zusammenhang. Die Becker-Faust zum Beispiel steht für die Freude über einen gelungenen Ball, aber sie signalisiert auch, dass sich da einer mobilisieren kann. Becker hat sich so stark gemacht. Zweitens geht es um diszipliniertes Denken, einfache Formeln, die sich der Spieler sagen muss: Komm jetzt! Bleib dran! Dann geht es darum, positive Emotionen zu simulieren, zu visualisieren. Ein Sportler lädt dabei eine bestimmte Vorstellung in seinen Kopf. Beispiel Kahn: Vor dem Elfmeterschießen im Champions-League-Finale ist er für wenige Minuten in sich gegangen und hat sich darauf konzentriert, wie er Elfmeter hält und in welche Ecke er schon als Junge am liebsten geflogen ist.

Aber die Vorstellung allein hält keine Elfmeter.

Aber sie dient der besseren Konzentration. Ein Elfmeter ist eine entscheidende Situation in einem Spiel, eine emotionsgeladene. Ich muss versuchen, diese nicht als Bedrohung zu empfinden, denn daraus folgt die Angst vor dem Misserfolg. Ich muss sie als Herausforderung annehmen. Und das kann ich über die Körpersprache vermitteln.

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