Hertha BSC : Irgendwie egal

Auf dem absteigenden Ast: Hertha BSC Berlin hat in dieser Saison nichts mehr zu verlieren - so spielt das Team auch.

Stefan Hermanns
Marko Pantelic
Marko Pantelic - seine Gebete halfen nicht. -Foto: ddp

CottbusRonny Gersch geriet ins Stocken. Der Stadionsprecher von Energie Cottbus wollte gerade den Schützen zum 2:1 gegen Hertha BSC verkünden, da zwang ihn die Macht des Faktischen zum Innehalten. Lukasz Piszczek hatte von rechts geflankt, Marko Pantelic den Ball knapp verfehlt, und nun setzte Mineiro zum Nachschuss an. Der Ball landete an der Latte des Cottbuser Tores, danach konnte Gersch weitersprechen. Diese eine Szene sagt alles über Herthas Charakter. Erst unter Druck vermag sich die Mannschaft zu einer entschiedenen Reaktion aufzuraffen.

Das war nicht nur bei der 1:2-Niederlage in Cottbus so und eine Woche zuvor gegen Schalke, als die Mannschaft erst nach dem 0:2-Rückstand ins Spiel fand; es kennzeichnet die gesamte Saison des Berliner Fußball-Bundesligisten. Für den Rest der Spielzeit lässt das nichts Gutes befürchten: Nachdem sich Hertha mit einem entschlossenen Zwischenspurt zeitig aller Abstiegssorgen entledigt hat, geht nun auch nichts mehr nach oben. Die Spielzeit droht irgendwie ihrem Ende entgegenzuplätschern. „Jeder muss sich selbst motivieren“, sagt Verteidiger Sofian Chahed. „Wer das nicht schafft, muss mit den Konsequenzen rechnen.“

Vor ein paar Wochen war das mit der Motivation noch kein Problem. Beispielsweise nach der 0:3-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt zum Start der Rückrunde. Plötzlich drohte den Berlinern richtiger Abstiegskampf – die Spieler antworteten mit einem 3:1-Sieg beim Meister Stuttgart und ließen fünf Spiele ohne Niederlage folgen. Zwischenzeitlich war Hertha zweitbeste Mannschaft der Rückrunde, inzwischen ist sie in der imaginären Rückrundentabelle auf Platz neun zurückgefallen. Selbst ihr bescheidenes Saisonziel, einen einstelligen Tabellenplatz, scheinen die Berliner zu verfehlen.

„Der Trend in den letzten beiden Spielen geht nach unten“, sagt Arne Friedrich. Herthas Kapitän spricht sogar davon, dass die Mannschaft erst einmal die nötigen Punkte holen müsse, „damit wir unsere Ruhe haben“. Das mag angesichts des bequemen Vorsprungs auf die Abstiegsplätze etwas übertrieben zu sein, doch die Erfahrung mahnt die Berliner zur Vorsicht. Schon in der Hinrunde stürzten sie nach erfolgreichem Beginn in der Tabelle weit nach unten. Aus den ersten neun Spielen holte Hertha damals sogar einen Punkt mehr als jetzt in der vermeintlich guten Rückrunde. Und das dicke Ende kommt noch: Vom 1. FC Nürnberg abgesehen haben die Berliner gegen alle Mannschaften, die in der Tabelle hinter ihnen stehen, bereits gespielt. Außerdem müssen sie mindestens drei Spiele auf Verteidiger Steve von Bergen verzichten, der sich in Cottbus einen Muskelfaserriss zugezogen hat.

„Die Leistung war da“, sagte Herthas Trainer Lucien Favre am Tag nach der Niederlage. „Es war keine Frage des Willens.“ Doch in Cottbus zeigte sich der Unterschied zwischen einer Mannschaft, die unbedingt muss, und einer, die allenfalls wollen muss. Es handelt sich nur um Details, aber die Details entscheiden. „Zwei, drei Prozent machen den Unterschied“, sagt Favre. Es ist bezeichnend, dass die Statistik deutlich mehr Ballbesitz für die Berliner auswies (56 zu 44 Prozent), Energie dafür bei den gewonnenen Zweikämpfen deutlich vorn lag (62 zu 38 Prozent) und Hertha fast doppelt so viele Fouls begangen hatte wie sonst (29). Den Berlinern fehlte im Zweikampf das richtige Maß: Sie erwischten den Gegner, nicht den Ball.

„Eigentlich sollte es leichter sein, wenn man frei aufspielen kann“, sagt Sofian Chahed. „Schwerer ist es auf jeden Fall nicht.“ Am Samstag hat Hertha die nächste Möglichkeit, das zu beweisen: gegen den SV Werder Bremen, der unbedingt gewinnen muss, damit er die Chancen auf die Qualifikation für die Champions League nicht frühzeitig verspielt.

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