Sport : Hertha BSC - Kaiserslautern: Gustav Gans wohnt auf dem Betzenberg

Oliver Trust

Jürgen Friedrich ist 57 Jahre alt. Und noch fit. Das sagt er jedenfalls, und manchmal zeigt er das sogar. Jedesmal, wenn der Hobbykicker selbst in der Sporthalle die Kugel rollen lässt, dann lebt der Fußball in der Pfalz. Dann leben auch die alten Geschichten vom Kind der Bundesliga wieder auf.

Das mag Friedrich. Als ihn Moderator Rudolph Brückner letzten Sonntag im "Doppelpass" des Deutschen Sportfernsehens mit Günter Netzer in einem Atemzug nannte, da lächelte Friedrich milde. Der ehemalige Profi saß beschwingt da und plauderte munter über die heile Fußball-Welt, die sie beim 1. FC Kaiserslautern gerade noch gerettet haben gegen viele Widerstände und Neider. Wieder einmal setzt Jürgen Friedrich auf die Leier vom Stamm der Verfolgten aus dem Südwesten, der sich tapfer gegen böse Gerüchte, Feinde aus München und die Journalisten wehren muss. "Wir müssen uns alles jeden Tag hart erkämpfen", sagt er gerne in seiner Boutique "Atzes Menshop" am Schillerplatz mitten in Kaiserslautern. Das verstehen die Pfälzer, die trotz hoher Arbeitslosigkeit versuchen, durch den Tag zu kommen. Und dann verteidigt Friedrich auch noch seinen Freund Otto Rehhagel mit ausgewogener Argumentation: "Er hat unheimliche Verdienste um den Verein, und damit basta."

Das alles lenkt so schön ab von der Wirklichkeit des heutigen Gegners von Hertha BSC. Kritiker monieren, der 1. FC Kaiserslautern leiste sich trotz der Millionenumsätze eine Führung, die jedem Amateurverein zur Ehre gereichen würde. "Nein, einen Manager haben wir nicht", sagt Friedrich. "Aber ich sage schon lange, dass wir die mittlere Ebene ausbauen müssen." Passiert ist unter Friedrichs Regentschaft wenig. Seit Sommer 1996 ist er dabei. Zweimal war er vorher auch Präsident. Macht abzugeben, das ist in Kaiserslautern nicht unbedingt Mode.

Für manchen geht Friedrich heute nur noch als die vom Glück verfolgte Comicfigur Gustav Gans durch, der nach dem Debakel mit dem ehemaligen Trainer Rehhagel trotzdem noch alles in den Schoß fällt. Wie befreit reagierten Mannschaft und Publikum, als der diktatorische Rehhagel nach wochenlangen Gesprächen mit dem Vorstandsvorsitzenden Friedrich und dem Aufsichtsratschef Robert Wieschemann endlich aufgab. "Es macht wieder Spaß", sagte beispielsweise Marian Hristow, der sonst so verschlossene Bulgare, in einem seiner seltenen Gefühlsausbrüche.

Der Neue - Andreas Brehme - kam zum richtigen Zeitpunkt. Ein paar Wochen zuvor - rechtzeitig vor der Jahreshauptversammlung, die für die Opposition zum peinlichen Debakel wurde - fing er in der Bundesliga mit dem Siegen an. Hristow und Co., plötzlich lachten sie wieder, obwohl Brehme zuerst von einer toten Mannschaft sprach, die ihm Rehhagel hinterlassen hat. Die Amateurtrainer beschwerten sich, Assistent Reinhard Stumpf griff Rehhagel an, so oft er nur konnte. Friedrich und Wieschemann hatten brav zugeschaut, bis die Zuschauer auf den Barrikaden standen.

Geändert hat sich bis heute nur eines: der Trainer. Selbst der Weltmeister von 1990 galt am Anfang der Wende eher als Verlegenheitslösung, weil Klaus Toppmöller in Saarbrücken keine Freigabe erhielt. So wursteln sie hübsch weiter am Betzenberg. Es ist ja wieder alles in Ordnung. Endlich haben sie einen Trainer, der mal den Angriff im Training gegen eine Viererkette üben lässt. "Der Andy spricht ihre Sprache. Wir setzen ganz bewusst auf das Modell von zwei gleichberechtigten Trainern. Alleine kannst du das heute doch gar nicht mehr machen", sagt Friedrich heute. Bis zu Rehhagels Rücktritt war er noch ganz anderer Meinung.

Friedrich aber hat ein Gespür für Stimmungen - trotz seiner Heile-Welt-Anwandlungen, in die Leute wie der selbstbewusste frühere Nationalspieler Peter Briegel nicht hineinpassen. Der redete Friedrich und Co. nicht nach dem Mund und wurde deshalb unter Rehhagels Gnaden kaltgestellt. Briegel spielt auch nicht mit, wenn die alten Geschichten aufleben und der Ball beim Hobbykicker Friedrich fast so locker läuft wie früher, als er gegen Günter Netzer spielte.

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