Sport : Hertha BSC: Karneval im Advent

Klaus Rocca

Sein Weg zur Gratulationscour war weiter als sonst, aber nicht so weit, wie er hätte sein müssen. Auf die Tribüne war Jürgen Röber von Franz-Xaver Wack, dem Doktor der Zahnmedizin und im Nebenberuf DFB-Schiedsrichter, verbannt worden. Doch da hält es einer wie Röber natürlich nicht aus. Ergo schlich er sich immer wieder nach vorn, zwischenzeitlich getarnt durch die Jacke eines Ordners ("Der meinte wohl, mir sei kalt"), und war dann rechtzeitig zur Stelle, als sich alle in den Armen lagen. Nach einem Sieg über Bayer Leverkusen, das trotz des 1:2 (1:1) gegen die von Röber trainierten Bundesliga-Fußballer von Hertha BSC Herbstmeister ist. Kommentar von Röber, der nach dem Hickhack um seine Vertragsverlängerung diesen Erfolg besonders genoss: "Ich muss vor meiner Truppe den Hut ziehen." Die holte aus den letzten acht Bundesligaspielen von 24 möglichen Punkten 20, gewann die letzten sieben Heimspiele.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Wer glaubte, Röber habe mit Hertha schon so weit abgeschlossen, dass auch die Leidenschaft versiegt sei, irrte gewaltig. Manchmal freilich geht diese so weit, dass er übers Ziel hinausschießt. Gestern brachte ihn der Schiedsrichter-Assistent Günter Perl in Rage, der erst einen Ball im Aus gesehen haben wollte, den wohl jeder im Stadion nicht dort sah, und dann ein Foul aus Nahdistanz übersah, das der 30 Meter entfernt stehende Wack pfiff. "Ich wollte den Assistenten wecken", kommentierte Röber lächelnd seine Schimpfkanonade. Prompt verwies ihn Wack der Bank. Dass Röber die Tribüne alsbald wieder verließ und sich in Karnevalsmanier verkleidete, dürfte ihm eine Geldstrafe vom DFB einbringen. "Zum Glück bin ich kein Wiederholungstäter", meinte der Hertha-Trainer. Da hatte er freilich vergessen, dass er schon einmal im Pokalspiel gegen Tennis Borussia auf die Tribüne geschickt wurde.

Gerade in jener Phase war Röber in die zweite Reihe verbannt worden, da es besonders dramatisch war. Als die Leverkusener "Fußball zelebrierten" (Röber), mit Macht die 2:1 führenden Herthaner in die totale Defensive drängten. Klaus Toppmöller, Röbers Gegenspieler, sah da zu Recht "ein Spiel auf ein Tor, fast während der gesamten zweiten Halbzeit". Dass der Daueransturm der Gäste, für die sogar Torhüter Hans-Jörg Butt noch mit stürmte, nichts einbrachte, lag auch und vor allem an der starken Abwehr Herthas mit einem wiederum fast fehlerfreien Christian Fiedler im Tor. Wie die in den letzten Wochen arg geschlauchten Herthaner den im Verfolgungskampf so wichtigen Sieg über die Zeit brachten, war beeindruckend und wurde von den 35 000 Zuschauern auch entsprechend gewürdigt.

Am Ende war dieser Sieg glücklich, insgesamt gesehen aber verdient. Weil Hertha vor der Pause die klar bessere Mannschaft war und Andreas Neuendorfs Tor nach guter Vorarbeit von René Tretschok und Michael Hartmann zum 1:0 folgerichtig fiel. Neuendorf, der kurz vor einer Leistenoperation steht und vor dem Spiel zwei Spritzen erhielt, war gegen seinen ehemaligen Verein offensichtlich besonders motiviert. Dass ihm Toppmöller nach einem angeblichen Foul am danach verletzt ausgeschiedenen Jens Nowotny am liebsten die Gelb-Rote Karte selbst gezeigt hätte, hatte Neuendorf nicht verdient. Nach Neuendorfs Tor hätte Marcelinho nach sehenswertem Solo für eine Vorentscheidung sorgen können, doch der Brasilianer scheiterte im Abschluss. Es spricht für die Herthaner, dass sie sich auch durch das Ausgleichstor von Oliver Neuville nicht irritieren ließen. Und sie hatten einen Pal Dardai, der in den letzten Wochen immer wieder zum Matchwinner wurde. Gegen den FC Bayern schoss der Ungar das Siegestor, in den Pokalspielen gegen Erfurt und Frankfurt gleichfalls, auch gestern. Torhüter Butt sah bei dem Fernschuss ins lange Eck zum 1:2 nicht gut aus, vielleicht hatte der Ball aber auch von Ulf Kirsten noch unfreiwillig einen tückischen Drall erhalten.

Wie auch immer, Hertha bleibt dran. Nun muss freilich am Dienstag an gleicher Stätte im ersten Rückrundenspiel auch St. Pauli besiegt werden. Dann allerdings ohne den nach der fünften Gelben Karte gesperrten Rob Maas, vielleicht auch ohne den gestern schon nach 13 Minuten mit Wadenproblemen vom Platz gehenden Dick van Burik. Selten hat man bei Hertha die Winterpause so herbeigesehnt wie diesmal.

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