Sport : Hertha BSC: Kein Mädcheninternat

Klaus Rocca

Sieht so einer aus, der über 15 Millionen Mark gekostet hat? Wohl kaum. Da stand er auf dem Trainingsplatz abseits, isoliert, spürte die Ablehnung seiner Mitspieler. Alex Alves durchlebt dieser Tage bittere Stunden bei seinem Arbeitgeber. Er, von dem sein Trainer Jürgen Röber meint, er sei ein überragender Spieler, hat es wohl noch schwerer als vor Monaten, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Egoismus haben sie ihm nach dem Bundesligakick Herthas gegen Dortmund vorgeworfen, Eigensinn und Selbstverliebtheit. Und wenn er dann noch in einem Interview sagt, es ginge ihm "nicht um mich, sondern um den Erfolg der Mannschaft", dann klingt das wie Hohn. Und muss die Ablehnung noch vergrößern.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Alex Alves ist sensibel genug, um zu wissen, dass er den Bogen nicht überspannen darf. Spätestens dann, wenn ihm beim Training die anderen links liegen lassen, muss er auf Wiedergutmachung sinnen. Und wie er sinnt! Kaum hat er beim Trainingsspielchen den Ball, sucht er den Mitspieler, gibt den Ball uneigennützig ab. Das ist ein ganz anderer als der, der am Sonnabend im Olympiastadion immer wieder seine Mitspieler ignorierte. Ob er einen neuen Stürmer habe, wurde Röber nach dem Training gefragt. Der stutzte kurz, lächelte dann und meinte: "Alex hat die Lektion verstanden."

Da bedurfte es keiner großen Worte. Zumal der Brasilianer noch immer Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat. "Er versteht aber mehr und ist klüger, als wir alle denken", sagt Rob Maas, einer seiner Mitspieler. Da kann es Alves sicher auch verschmerzen, dass sein eigentlicher Dolmetscher derzeit mit Marcelinho in Brasilien ist. Und man hat Alves auch schon an der Tankstelle ein ganzes Bündel deutschsprachiger Zeitungen kaufen sehen. Er wird es sicher nicht nur der Fotos wegen getan haben.

Am Sonntag, einen Tag nach seinem "Scheißspiel" (Röber) gegen Dortmund, war Alves nicht zum Training erschienen. Er habe Magen- und Darmprobleme, hieß es offiziell. Gestern war davon nicht mehr die Rede. Alves, von seiner Frau gefahren, kam zwar als Letzter zum Umkleiden, doch er kam. Ehe er beim Training Wiedergutmachung leistete, musste er sich erst mal vorsichtig herantasten. Oft suchte er die Nähe von Piotr Reiss, wie Alves ein Außenseiter. Oder die eines anderen Außenseiters, Roberto Pinto. Der hat den Vorteil, dass er dieselbe Sprache wie Alves spricht. Und Alves braucht derzeit Ansprechpartner. Auch wenn sein Trainer meint, er sei nicht der Typ, der unbedingt Gesellschaft suche. Dieser Tage wohl schon.

Mit Pinto verlässt er dann auch den Trainingsplatz, rennend, über einen Nebenplatz. Die Schar der Autogrammjäger hält sich ohnehin in Grenzen. Alves hat viele Sympathien verspielt. Er musste es am Sonnabend gespürt haben, den Unwillen auf den voll besetzten Rängen. Und den seiner Mitspieler. "Da kann einer dem anderen auch mal ruhig in den Hintern treten", sagt Röber ein wenig drastisch. Man sei ja schließlich nicht im Mädcheninternat.

Es bleiben Zweifel, ob Alves die Lektion so verinnerlicht hat, dass er sie im Stadion nicht wieder vergisst. "Ein Trainingsspiel ist die eine Sache, ein Punktspiel die andere", meint Rob Maas. Soll heißen: In Freiburg, am Sonnabend gegen den SC, muss Alves Farbe bekennen. Auch seinen Teil dazu beitragen, dass danach nicht "der Baum brennt", wie es Manager Dieter Hoeneß formuliert hat. Der nahm Alves gestern beim Training zur Seite, redete intensiv auf ihn ein. Über den Inhalt wurde nichts verraten.

Auch nicht über den Inhalt jenes Gesprächs, das er zuvor mit Trainer und Mannschaftsrat auf der Geschäftsstelle geführt hatte. Dass es dabei auch um Alves ging, darf man voraussetzen. Auch dass Michael Preetz als Mannschaftskapitän später mit seinem Sturmkollegen Worte gewechselt hat. Preetz ist schließlich einer der Haupt-Leidtragenden des Eigensinns von Alves. Gestern, beim Training, bekam er immer wieder den Ball von Alves zugespielt. Was nichts daran änderte, dass die A-Elf mit beiden Stürmern in den 45 Minuten des Spielchens kein einziges Tor schoss. An Alex Alves lag es noch am wenigsten.

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