Sport : Hertha BSC: Keine große Nummer

Klaus Rocca

Welch eine Premiere! Am 11. Dezember 1998, im eiskalten Volksparkstadion, schoss Piotr Reiss in seinem ersten Spiel für Hertha BSC gleich sein erstes Tor, glänzte beim 4:0 gegen den HSV zudem als Torvorbereiter. "Er hat alles richtig gemacht", lobte Michael Preetz seinen Sturmkollegen. Reiss, für gerade mal 1,9 Millionen Mark von Lech Posen geholt, schien das große Trumpf-Ass zu sein.

Heute spricht kaum noch jemand vom 28-jährigen Polen. Jürgen Röber nahm ihn zuletzt nicht einmal mit nach München. "Ich muss das Gefühl haben, dass er uns weiterhelfen kann. Dieses Gefühl habe ich nicht", kommentiert der Trainer des Fußball-Bundesligisten. Die 14 Tore, die Reiss in den Testspielen gegen Bernau und Kaprun erzielte, lassen Röber kalt. Spiele auf dem Dorf haben für ihn keine Bedeutung. Gegen Leverkusen und Rom habe Reiss "wenig gezeigt". Die Konsequenz: Der Mann mit der Rückennummer 29 ist für Röber keine große Nummer.

Das war er schon vor geraumer Zeit nicht. Da wurde Reiss, der für Hertha zuvor in sechs Spielen gerade mal jenen besagten Treffer in Hamburg schoss, an den MSV Duisburg ausgeliehen. Prompt erzielte er dort fünf Tore. Schon gab es kritische Stimmen in Berlin, zumal bei Hertha 1999/2000 Tore Mangelware waren. Reiss wurde für diese Saison wieder in den Hertha-Kreis aufgenommen. Und ist wieder nur Reservist. Oder nicht einmal das. Siehe München.

Reiss versteht inzwischen die Fußballwelt nicht mehr. "Ich bin doch nicht schlechter als Michael Preetz, Alex Alves oder Ali Daei", sagt er fast trotzig. Der Satz spricht für eine gehörige Portion Selbstvertrauen. Oder für Selbstüberschätzung. Den Beweis für seine Einschätzung hat der Blondschopf mit dem unorthodoxen Laufstil bislang noch nicht antreten können. Wobei er auch erst zehn Bundesligaspiele im Hertha-Trikot bestreiten durfte. Für einen, der schon vier Länderspiele für sein Land absolviert hat, eine dürftige Ausbeute. In seinen insgesamt 32 Bundesligaspielen wurde er 17-mal ausgewechselt. Was nicht für ihn spricht.

Noch bis zum 30. Juni 2002 steht Reiss bei Hertha unter Vertrag. So lange wird er möglicherweise nicht warten. "Wenn ich", so Reiss "in einem halben Jahr noch immer nicht richtig zum Zuge gekommen bin, werde ich mir einen neuen Verein suchen." Vielleicht bekommt er schon am Sonnabend seine Chance. Röber wird Michael Preetz einen zweiten Stürmer zur Seite stellen. Alex Alves ist weiterhin gesperrt, da kommen Ali Daei und eben Reiss in Frage. Der Gegner am Sonnabend ist der Hamburger SV. Da könnten bei Piotr Reiss höchst angenehme Erinnerungen aufkommen. An jenen 11. Dezember 1998.

0 Kommentare

Neuester Kommentar